Weiße Quadratbilder mit farbigen Quadraten

 

Theorie zu meinen weißen Quadratbildern

 

Kunst ist nie rein formal,
sie betrifft immer den ganzen Menschen.
Zum ganzen Menschen gehört Spiritualität.
Rein formale Kunst ist Dekoration.

 


"Ein taoistischer Mönch bei der Meditation"

Ziel der Meditation ist, den Geist von Gedanken zu befreien, die das Bewusstsein verwirren.

Dieser chinesische Holzschnitt (13. Jahrhundert) zeigt Sima Chengzhen, einen Meister aus dem 8. Jahrhundert.

Aus: Hope, Jane, Die geheime Sprache der Seel, München 1998, S. 27

 

Zum Umgang mit meinen weißen Quadratbildern

Sie sehen nur einen weißen Rahmen, eine weiße Fläche und farbige Quadrate. Die Quadrate sind meistens parallel  zum Rahmen angeordnet. Mit einem Blick können sie das ganze Bild überschauen. Da ist nichts Spektakuläres oder Geheimnisvolles. Eher der Eindruck: „Was soll’s, eine schöne Dekoration!“.

Die meisten Menschen sind gewohnt, in einem Bild etwas mehr oder weniger Gegenständliches zu erkennen, etwas zu suchen, darüber nachzudenken und evtl. einen Bezug zum Künstler und seiner Lebenssituation herzustellen.

Bei meinen Quadratbildern können Sie wenig hineindenken. Im Gegenteil: Das Denken soll zur Ruhe kommen.

Diese Bilder haben aber durchaus unterschiedlichen Charakter.

Bei einigen dieser Bilder können Sie einfach mit den Augen über das Bild wandern, können Bezüge zwischen  Farben, Größen der Quadrate und deren  Anordnung herstellen. Immer neue Farbakkorde entstehen so. Sie können – anders als beim Hören von Musik, immer neue eigene Akkorde und in eigener Geschwindigkeit bilden. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Augenweide, auf der Sie sich frei bewegen können. Dabei wird Ihr Denken verlangsamt und es kommt zur Ruhe. Sie kommen zur gedankenfreien Wahrnehmung, zur Kontemplation. Ein Zustand der hellen Wachheit. Sie sind ganz bei sich und dem Bilde. Eine stille Freude kommt auf.

Einige Bilder mit nur einfarbigen Quadraten stellen eine geheime Ordnung dar, die keine bekannte Ordnung widerspiegelt, auch wenn alle Quadrate aufeinander bezogen sind. Wenn Sie sich von dieser Ordnung gefangen nehmen lassen, kommen sie in einen gedankenfreien Zustand.

Andere Bilder haben nur ein Quadrat. Hier können Sie nur das farbige Quadrat in seiner bestimmten Größe an einem bestimmten Ort auf der weißen Fläche auf sich wirken lassen und so zu einer inneren Konzentration und Ruhe kommen.

Die meisten dieser Bilder haben einen konkreten Ausgangspunkt in der äußeren Wirklichkeit.

Das können bewusste Ereignisse sein, wie Erlebnisse in der Natur, die Auseinandersetzung mit einem Künstler, die Faszination durch ein einzelnes Bild oder in einer allgemeinen Stimmungslage, die nicht so genau festzumachen ist. Es schwingt immer ein Hintergrund mit, der mir nicht bewusst ist. Ein Bild steht im Kontext der ganzen Persönlichkeit mit ihrer ganzen eigenen Geschichte. Die Erfahrungen dieser Geschichte verdichten sich in einem konkreten Erlebnis. Dabei ist das ganze Spektrum des Bewusstseins – nicht nur das mythische und rationale, auch das spirituelle – mit im Spiel.  

Kunst ist für mich das Sichtbarmachen von etwas Transzendentem, Jenseitigem, und sollt dort auch wieder hinführen. Die Sinne sollen den Betrachter mittels der Kontemplation in einen Zustand jenseits der Sinne führen.

 

Der weiße Quadratrahmen

Ein Quadrat scheint immer nach innen gerichtet, das Bild ist zeitlich nicht ausgedehnt und ruht gewissermaßen in sich selbst. Ein Längsformat erzählt eher von links nach rechts und ein Hochformat weist nach oben, hat eine gewisse metaphysische Ausrichtung (z. B. Kirchenfenster).

Den weißen Rahmen habe ich regelrecht als Erfindung und als Befreiung empfunden. Es gibt zwar auch sonst weiße Rahmen, aber es kommt auf die Funktion an. Ein weißer Rahmen ist noch ein Rahmen. Er stellt damit das Bild in unsere äußere Wirklichkeit, stört das Bild aber nicht mehr. In Bezug auf diese Bilder hat er die gleiche Farbe wie die weiße Grundfläche, die das Unendliche darstellt. Der weiße Rahmen bedeutet in diesem Zusammenhang Kontemplation. In der kontemplativen, gedankenfreien Haltung, kann ich etwas Transzendentes, Jenseitiges, erfahren. Ich muss mich nur entschließen, mich darauf einzulassen.

In der Geowissen Nr. 29 habe ich etwas über Quadrate gefunden. Das möchte ich doch festhalten: „Auf einer der ältesten Darstellung Afrikas umschlingt der Uroboros, eine geschlängelt Figur, die Ur-Ozeane, in deren Mitte sich das Quadrat der Erde befindet.“

Nach C.G. Jung bedeutet ja das Quadrat das Irdische. Ingrid Riedel sagt dazu („Bilder in Therapie und Kunst“, S. 192):

„Die Vier ist – wie die Drei auch – einerseits ein raumgliederndes und andererseits ein zeitgliederndes Ordnungssymbol. Als raumgliedernd ist sie vor allem auf die Erde bezogen und in dieser Hinsicht ein Totalitätssymbol: Es gliedert den Erdraum zugleich in vier Himmelsrichtungen, in vier Windrichtungen. Die Vier ist symbolisch mit der Figuration des Quadrates einerseits und der des Kreuzes andererseits eng verbunden und wird im Blick auf das Quadrat als etwas in sich Abgeschlossenes, in sich Ruhendes, im Blick auf das Kreuz als etwas Gegensatz-Vereinendes empfunden.“

 

Die weiße Fläche

Eine weiße Fläche ängstigt uns, weil sie leer ist (lat.: horror vacui). Leere bedeutet für uns Nichtsein und davor haben wir Angst. Wir haben den Glauben, dass nur wirklich ist, was eine Form hat. Alle Mystiker, also Menschen, die das Transzendent-Göttliche erfahren haben, sagen das Gegenteil. Nur im gegenstandslosen Bewusstsein, im Schweigen des Verstandes, in der Leere, können wir das Göttliche erfahren und damit auch, dass wir unvergänglich sind: Eine Erfahrung von Frieden und Glückseligkeit.

Die weiße Fläche ist die Darstellung des gegenstandslosen Bewusstseins. In diesem Bewusstsein sind wir eigentlich zu Hause oder besser: dieses Bewusstsein ist unsere eigentliche Natur. Es ist ein Zustand der Absichtslosigkeit und des Lebens im Augenblick, genau der Zustand, den Menschen erleben, wenn sie fasziniert vor einem großen Kunstwerk stehen.

Zur Bedeutung der weißen Fläche habe ich noch einen interessanten Text gefunden:

Jeder Buchstabe der Thora birgt ein tiefes Geheimnis. Die erhabeneren Geheimnisse sind in den Vokalen verborgen, noch größere in den Noten. Das erhabenste Geheimnis jedoch liegt versenkt in dem unbeschriebenen Meer von Weiß, welches die Buchstaben von allen Seiten umgibt. Keiner kann dieses Geheimnis herauslesen, keiner, keiner kann es greifen. So unermesslich ist das Geheimnis des Weiss auf dem Pergament, dass diese ganze Welt es nicht zu fassen vermag. Es gibt dafür kein passendes Gefäß. Erst die künftige Welt wird es fassen. Dann wird man nicht mehr lesen, was geschrieben steht in der Thora, sondern das, was nicht geschrieben in ihr steht: das weiße Pergament.

(Langer, Jiri Mordechai: Die neun Tore. Geheimnisse des Chasidissidismus, Wien 2013, S. 120f, letzter Absatz)

 

Wirkung der Farben

Mit meinen farbigen Quadraten versuche ich, möglichst reine Klänge herzustellen und beim Beschauer zu erzeugen. Das hat Ähnlichkeit mit der Musik, aber Farbklänge und Klänge in der Musik unterscheiden sich. Dazu ein Zitat:

„Einen ebenso direkten und weiten Empfindungszugang wie durch den Laut in der Musik erlaubt die Farbe in der Malerei. Jedoch im Gegensatz zur zeitlichen Eingebundenheit in den Ablauf von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Musik bleibt die Malerei still gegenwärtig. Diese Sog der Stille, der von der Malerei ausgehen kann, gehört zu den starken Eindrücken, die sie vermittelt. Subtilsten Empfindungen, die gar nicht in Worte zu fassen sind, wie auch lyrischen Empfindungen bietet die Farbe ihr Spektrum. Daher galt schon immer die Sehnsucht vieler Maler einer Befreiung der Farbe aus der dienenden Funktion, die Form lediglich füllen zu müssen.

Ihrem großen Potenzial gerecht zu werden, bietet sich eine gegenstandsfreie Gestaltung an, um die Farbe wirklich konkret agieren lassen zu können. Die Farbe selbst kann vorrangiges gestaltendes Mittel sein.

Malerei ist ein flächiges Medium. Sie wirkt nicht als ein haptische oder ertastbare feste Form, sondern sie erscheint als erschaubares Bild aus der planen Fläche. Die Auseinandersetzung mit Malerei ist ein geistiger Akt, der direkt von der Farbe zu den Sinnen ausgelöst wird.

Die Atmosphäre einer Malerei, ihre Präsenz, ihr Atem, ihre Sinnlichkeit strahlt aus der ihr eigenen Farbigkeit heraus. Sie wirkt kontemplativ, meditativ.“ (Jo Kuhn)

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

„Regenbogenfenster, groß“ (2004)

 

Farbe und Musik

Ich habe einen interessanten Text zu meinen Quadratbildern gefunden in Bezug auf Farbe und Musik:

„…die Farbe besitzt eine eigene, von der Form, mit der sie sich verbindet, gänzlich unabhängige Ausdruckskraft, die sich tatsächlich so weit steigern kann, dass sie nicht mehr als Form, sondern nur noch als Farbe wahrgenommen wird.

Ich glaube, dass es unmöglich ist zu erklären, warum eine Farbe schön ist. Immerhin kann man versuche, den Grund ihrer Schönheit in einer harmonischen Übereinstimmung mit anderen Farben zu sehen oder etwa den Umstand anführen, dass sie uns den Eindruck einer einheitlichen und zugleich diffusen Substanz zu vermitteln vermag.

Die ganze Welt als einen großen symphonischen Klang verschiedenfarbiger Flächen zu sehen, ist zweifellos ein wunderschöner Traum – und eben dieser Traum ist die Wirklichkeit des Koloristen. Der erregende oder besänftigende tonale Wert gewisser tiefer, ruhige, gesättigter Farben ist allenfalls noch der ästhetischen Wirkung der Musik vergleichbar, und genau darum habe ich von einem symphonischen Klang der Farben gesprochen. Denn wie die Musik bringt auch die Farbe kein deutlich bestimmbares Gefühl, sondern einzig und allein grundlegende Empfindungen in ihrer Polarität zum Ausdruck: also nur reine Freude oder ihr genaues Gegenteil, nicht aber eine spezifische Freude oder eine spezifischen Schmerz.“ (aus: Longi, Roberto: Kurze, aber wahre Geschichte der italienischen Malerei, Köln 1996, S. 70f)

 

Kunst und Kontemplation

In der Kontemplation, der gegenstandslosen Meditation, bei der die Gedanken zur Ruhe kommen, fällt letzten Endes die Trennung von äußerer und innerer Wirklichkeit weg. Die Aufhebung dieser Trennung ist eine große Befreiung. Das gilt auch für die Kunst. Der Rahmen hat die gleiche Farbe, wie das transzendente Weiß der Bildfläche. Der Rahmen stört die weiße Bildfläche nicht mehr und auf der weißen Bildfläche können sich alle Erfahrungen ungestört spiegeln. Die weiße Bildfläche ist entscheidend. Sie nimmt alle Erfahrungen auf, verhindert aber, dass der Zuschauer in die Farben der Fläche eintauchen kann und darin versinkt. Bei den auch auf Transzendenzerfahrung ausgerichteten Bildern z. B. von Barnett Newman mit oft großen farbige Flächen, vor die der Betrachter sich in nur geringer Entfernung stellen soll oder Marc Rothkos wunderschönen Farbflächen, in die der Zuschauer sich hineinversenken kann, ist der Betrachter in Gefahr, zu versinken. Er kommt dann nicht in einen hellwachen Zustand des Überbewusstseins, wie die Kontemplation es anstrebt, sondern in einen regressiven, sich in unbewusste Zustände auflösende frühere Entwicklungsstufen. Dieser Zustand wird oft mit Meditation verwechselt, hat aber nichts damit zu tun. In Meditation und Kontemplation und letztlich auch in der Kunst geht es um höheres Bewusstsein.

 

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