Schwarze Quadratbilder

 

Meine schwarzen Quadratbilder

Die Rahmen stellen bei mir die Bilder in einen bestimmten Zusammenhang unserer Wirklichkeit. Der weiße Rahmen bedeutet Kontemplation, der schwarze die Erfahrung unserer äußeren Wirklichkeit und die äußere Erkenntnis dieser Wirklichkeit mit unserem Verstand, mit unserem begrifflichen Denken, mit unseren gesammelten Erfahrungen in unserem Gedächtnis und unserem Unterbewussten. Dazu gehörten aber auch alle Erfahrungen, die man überhaupt machen kann, also auch innere Erfahrungen. Eigentlich alles, was an die Zeit gebunden und vergänglich ist: alles, was entsteht und vergeht, alles was „stirbt". Damit ist die schwarze Farbe des Rahmens schon geklärt. Der schwarze Rahmen steht damit im Gegensatz zum weißen, der sich auf das Unvergängliche, Transzendente bezieht. Beide gehören aber zusammen, wie die zwei Seiten einer Medaille.

Die schwarze Bildfläche deckt die weiße Fläche zu. Als ersten Grund habe ich bei meinen schwarzen Bildern von Anfang an eine weiße Fläche gelegt. Die schwarze Farbe deckt die weiße zu.

Vielleicht gibt es hier Parallelen zum russischen Maler Malewitsch (1878-1935), der an der Wiege der Moderne stand. Als Malewitsch 1915 sein „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" ausstellte, deckte er alle bisherige, auf die gegenständliche Wirklichkeit bezogene Kunst mit schwarzer Farbe zu.

Es ist die Abkehr in der Malerei von allen Beziehungen zu den Dingen. Er sagt dazu: "Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grund...Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.

Das Quadrat = Empfindung, Das weiße Feld = die Leere hinter dem Quadrat." Er nannte das „Schwarze Quadrat auf weißem Grund" selbst, die „ungerahmte Ikone seiner Zeit" und einen Nullpunkt für eine neue Kunst. Entsprechend seiner Einschätzung als Ikone hängte er das Bild in der Ausstellung in die östliche Ecke des Raumes, an die Stelle, an der traditionsgemäß in Russland die Ikonen stehen. Er wollte eine neue radikale Kunst, die die Ikonen ersetzen konnte und über alle kulturellen und ethnischen Grenzen hinweg verständlich sein sollte. Die neuen Werke sollten den Maler während es Malens und den späteren Beschauer in einen höheren Bewusstseinszustand versetzen. Nullpunkt soll heißen, dass er was ganz Neues aufbauen will, das sich nicht von etwas ableitet.

Die Erfahrungen auf der Ebene der schwarzen Rahmen und das, was auf der schwarzen Innenfläche abgebildet ist, verweisen auf die darunterliegende weiße Ebene, auf die Transzendenz. Die weiße Ebene ist eigentlich keine Erfahrung — Erfahrungen kommen und gehen — sondern unser ursprünglicher Zustand: die ursprüngliche natürliche Offenheit des Kindes, dessen Wahrnehmungen noch nicht durch Erfahrungen überlagert und verfälscht sind. Der Zustand der leeren Offenheit. Das reine Gewahrsein. In diesem reinen Gewahrsein sind wir mit allem verbunden. Im Hinduismus wird diese; Gewahrsein „Atman", das Göttliche in uns, im Buddhismus die „Buddhanatur", im Christentum das „Reich Gottes" genannt.

Bei der Betrachtung meiner weißen Bilder, sollen alle Gedanken zur Ruhe kommen, um diesen Zustand der Leere zu erreichen. Mit den Gedanken verschwindet auch das Ich, das ja eine Gedankenkonstruktion ist und nicht unsere wirkliche Identität. Das Ich entsteht durch Identifikation mit unseren Gedanken und Erinnerungen.

Die schwarzen Bilder weisen auf diese weiße Ebene oder besser, leere Offenheit, hin. Alles Schöne, Wahre und Gute verweist auf diese grundlegende Wirklichkeit.

Auch der umgekehrte Weg ist möglich: von der weißen Ebene kommen Anrufe in unserer alltägliches Bewusstsein (s. Bild „Nimm und lies!")

 

 

 

 

"Schwarze Bilder mit farbigen Quadraten in der Mitte" (Februar 2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

3.7.2012

Als erste Bilder meiner Serie „Schwarze Quadratbilder“ habe ich Bilder mit einem farbigen Quadrat in der Mitte gemacht.

Das erste war: „Schwarzes Bild mit rotem Quadrat“, am 22.2.2012. Danach: Schwarzes Bild mit grünem Quadrat und am 29.2. „Schwarzes Bild mit blauem Quadrat“. Wie ich sie deuten soll, weiß ich auch nicht. Sie wirken auch sehr unterschiedlich. Das rote Quadrat und das blaue springen mich an, das dunkelgrüne zieht mich eher hinein. Alle drei machen aber einen feierlichen und beruhigenden Eindruck. Das Blaue fand Gretel gleich sehr schön, die anderen nicht. Das Blaue interessiert auch einige andere.

Nachdem ich nun – September 2012 – eine Deutung für meine schwarzen Quadratbilder gefunden habe, s. Text „Meine schwarzen Quadratbilder“, fällt mir die Deutung diese Bilder auch nicht mehr schwer.

Farben sind wie Klänge, die die Seele in Schwingung bringen. Farbige Quadrate sind gegenstandslose reine Klänge. Diese reinen Klänge sind schon auf meinen weißen Quadratbildern zu sehen. Erstaunlich ist nun, dass die farbigen Quadrate, die aus einer schwarzen Fläche kommen, noch intensiver sind. Das Dunkel des Schwarz steigert ihre Leuchtkraft und scheint ihnen Würde und Glanz zu verleihen. Die Faszination der einzelnen Farben und die Freude erzeugende Wirkung weisen über die Farbe hinaus auf den (weißen) Grund der Wirklichkeit, aus der alle Freude kommt. Auch farbige Quadrate auf schwarzem Grund führen zur Kontemplation.

Im Roman „Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil, München 2009, S. 345, habe ich einen Text gefunden, der zu den Bildern mit nur einem farbigen Quadrat auf schwarzem Grund passt. Ich habe den Text „Der eine Ton“ genannt. Es geht um den Choralgesang in der Kirche eines Zisterzienserkloster am frühen Morgen:

„Vor ihm gab es nichts anderes als diese Stille, es war die schwere Stille der tiefen Nacht; die noch immer den gesamten Gottesraum füllte und durch diese ersten Klänge erst langsam vertrieben wurde.

Daneben war der Gesang aber auch deshalb schön, weil er nicht aus einer Melodie, sondern nur aus der Wiederholung eines einzigen Tons bestand. Dieser Ton wurde sehr leise und mit einer geradezu rührenden Vorsicht gesungen, es war ein Ton, dessen Reinheit man in der Dunkelheit suchte und den man dann im weiten Raum langsam zum Schwingen brachte.

So begann der Tag nicht mit etwas Lautstarkem oder Demonstrativem, nein, ganz im Gegenteil, er begann mit der Bemühung, einen einzigen Ton zu treffen, um dann eine Weile lang auf ihn zu horchen. Der gesamte Gestus dieses Morgengebets hatte dadurch etwas von einer bescheidenen und vorsichtigen Annäherung, man trat aus dem Dunkel ins Helle, man lauschte dem ersten Morgenlaut und verneigte sich vor Gott, ohne mehr aufzubieten als einen einzigen Ton und die flüsternde Schwachheit der Stimme."

 

3.2.2015

Ich habe einen interessanten Text zu diesen Bildern gefunden:
Die Sehnsucht nach dem Wirklichsein

Wirklich zu sein, bedeutet, das zu sein, was wir sind, was wir wirklich sind; und das erfahren wir im Moment. Wirklich zu sein, verlangt nicht, dass wir irgendetwas Besonderes erleben. Es geht mehr um die Art, wie wir sind, als um das, was wir sind. Es ist wie der Unterschied zwischen der Wahrnehmung von tausend lauten Geräuschen und einer einzigen Note, einfach und sanft, die uns dem näher bringt, wer und was wir sind. Näher zu unserem Herzen. In diesem Moment fühlen wir, dass unser Herz lebendig und voller Zärtlichkeit ist. Unser Herz versprüht seine Zärtlichkeit, wenn wir uns spüren. Wir erkennen uns in dieser Zärtlichkeit wieder, in der Nähe dessen, was wirklich ist. (S. 24)

Almaas, A. H.: In der Tiefe des Seins, Bielefeld 2010, S. 24

"Nimm und lies!“ (März 2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Als mir die Intuition mit den farbigen Quadraten kam, hatte ich auch noch eine weitere: aus der schwarzen Fläche kam mir die Schrift „Nimm und lies!“ entgegen. Diesen Satz hörte Augustinus in seinem Inneren. Es war die Aufforderung, nach der Bibel zu greifen. Er stand wohl mit seiner Weltanschauung auch vor einer dunklen Wand und wusste nicht weiter. Er war für einen Aufbruch oder Umbruch reif. Hinter dem Schwarz wartet das Weiß. Ich habe das Schwarze weggefräst und so kommt die weiße Schrift unter dem Schwarzen hervor. Ich habe in Kinderschrift geschrieben, weil er die Stimme eines Kindes hörte.

Von der „schwarzen Ebene“ der äußeren Wirklichkeit führen nicht nur Erfahrungen zur Transzendenz, dem Weiß der „Leere“ hin, es können auch Botschaften von dort kommen. Ein Beispiel dafür ist die Bekehrung des heiligen Augustinus:

 

Bekehrungserlebnis

Im selben Jahr geriet Augustinus in eine intellektuelle, psychische und körperliche Krise; er gab seinen Beruf auf (Conf. VIII 2,2–4). Den Wendepunkt bildete, am 15. August 386, ein religiöses Erlebnis, das meist als „Bekehrungserlebnis“ bezeichnet wird.

In der Folge beschloss er, keinen Geschlechtsverkehr mehr zu praktizieren, auf Ehe und Beruf zu verzichten und ein kontemplatives Leben zu führen.

Augustinus hat diese Erfahrung mehrfach beschrieben. Am berühmtesten wurde die Schilderung in den „Bekenntnissen“, am Ende des achten Buches (Conf. VIII 12,29). Sie hat in Malerei, Literatur und biographischem Schrifttum ein starkes Echo gefunden. In einem Zustand religiöser Unruhe und Ungewissheit, so schreibt er dort, verließ er das Haus, in dem er in Mailand zu Gast war, und ging, gefolgt von seinem Freund Alypius, in den Garten. Als ihm sein religiöses Elend klar wurde, brach er in Tränen aus. Er entfernte sich von Alypius, legte sich unter einen Feigenbaum, weinte und sprach zu Gott. Plötzlich hörte er eine Kinderstimme, die immer wieder rief: „Nimm und lies!“ (Tolle lege). Da er etwas Ähnliches über den Wüstenheiligen Antonius gelesen hatte, verstand er, was gemeint war: Gott gab ihm den Befehl, ein Buch aufzuschlagen und die Stelle zu lesen, auf die sein Blick als erste fallen würde. Er ging zu Alypius zurück, schlug die Paulusbriefe auf, die er bei ihm hatte liegen lassen, und las: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ (Römer 13, 13–14) Nach dem Lesen dieser Stelle strömte das Licht der Gewissheit in sein Herz. Alypius las den darauf folgenden Vers: „Des Schwachen im Glauben aber nehmt euch an.“ (Römer 14,1) Alypius bezog das auf sich und schloss sich Augustinus an. Beide gingen ins Haus zu Augustinus' Mutter und berichteten ihr, was geschehen war. Die Erzählung ist, entsprechend den literarischen Gepflogenheiten der Zeit, stark stilisiert; der Rhetorikprofessor Augustinus hat in sie und andere die Lebensbeschreibung des Antonius und den Feigenbaum des Jesus-Jüngers Nathanael (Johannes 1, 48) eingearbeitet. (aus: Wikipedia)

 

"Schwarzes Bild mit violettem Rechteck" (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Violett hat nach Ingrid Riedel eine „… Wirkung zwischen den Ausdruckswerten des vitalen Rots und des transzendenten Blau…“.Violett ist auch die Farbe des 6. Chakras und steht für die Erfahrung des Göttlichen.

Das Bild hat für mich eine beruhigende und meditative Wirkung. Es führt in die Ruhe und die Tiefe.

 

"Ziemlich beste Freunde“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Der Bestseller „Ziemlich beste Freunde“und der Film dazu haben mich sehr beeindruckt. Der Film war eher ein großer Spaß. Das Buch dagegen vermittelt auch die großen Qualen eines Querschnittgelähmten. Beim Lesen des Buches ging ich durch ein Wechselbad der Gefühle: immer wieder die großen Schmerzen des Philippe Pozzo di Borgo und die Depression und daneben die glücklichen und tief menschlichen Erfahrung, die – auch dank seines halbkriminellen Pflegers – das ganze Buch durchziehen.

Das Schwarz der einen Seite und das Rosa der anderen. Rosa als Erfahrung der sanfte Liebe.

Wie tief Philippe Pozzo di Borgo durch seine Situation bis in den Bereich der Mystik vorgedrungen ist, zeigen seine Aussagen in einer Fernsehsendung der Serie „37 Grad“, November 2012. Er sagt in dieser Sendung:

„Vor meinen Unfall (Absturz mit dem Gleitschirm) wusste ich nicht, wer ich war. Danach habe ich mich wiedergefunden. Denn sobald sie sich nicht mehr bewegen und keinen Lärm machen, was ja normal im aktiven Leben ist, wenn sie plötzlich in der Stille sind, z. B. im Krankenhaus, und in der Stille ist nichts, wissen sie was in der Stille bleibt? Das sind nur noch sie. In der Stille sind sie und es gibt nichts, was ihr Bewusstsein verunreinigt.

Ich habe mich nach dem Unfall wiedergefunden und ich sage immer, versuchen sie zu sich zu finden, aber bitte ohne Unfall.

Die meisten finden aber nicht zu sich, obwohl es dazu nur ein wenig Sille braucht. Fünf Minuten Stille am Tag wäre schon eine gute Therapie.

Konkret habe ich es schon bereits gefühlt, als ich noch im Krankenhaus war, in der absoluten Stille, bis auf die medizinischen Geräte. Und ich habe die Stimme des Kindes gehört, das ich einmal war. Das Ich ist das Kind in ihnen, unschuldig, rein, frisch. Natürlich ist dieses Ich für jeden von uns anders. Aber es ist immer rein und frei von jeder Last, mit der uns die Gesellschaft und ihre Verlockungen zuschüttet. Das Ich ist sehr einfach und sehr authentisch.“

Pilippe Pozzo di Borgo beschreibt hier genau, um was es auf dem Weg zum eigentlichen Selbst, der Christuswirklichkeit, dem Atman, der Buddhanatur in uns, geht und immer ging, auch wenn er nicht die Begrifflichkeit hat, die mittlerweile erarbeitet worden ist. Er unterscheidet nicht zwischen dem kleinen Ich/Ego und dem großen Ich, dem Selbst. Aber das sind ja auch alles Worte.

Seine Aussagen zeigen, dass es sich bei den „mystischen“ Erfahrungen, den Gotteserfahrungen, nicht um etwas Abgehobenes, sondern um etwas ganz Natürliches handelt, dass auch unabhängig von Religionen erfahrbar ist.

 

"Kapitalismus“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Die Karikatur stammt von Serge Kliaving. Ich habe sie etwas verändert, weil auf der Originalkarikatur die Beine und Arme noch spinnenartiger aussahen. Das wirkte mir zu unnatürlich und war mir unangenehm.

Dieses verhungernde schwarze Kind ist in ein weißes Feld gemalt. Es geht um Leben und Tod. Auf der Ebene der weißen Fläche, die für das Jenseitige steht, sind wir alle eins im Göttlichen. In unserer äußeren Realität wird jede Gemeinschaft und jedes Mitgefühl durch die strukturelle Gewalt des Kapitalismus zerstört. Der Kapitalismus ist nicht etwas Naturgegebenes. Es ist ein System, dass den Egoismus der Menschen zur Triebfeder allen Handelns macht und den Menschen entmenschlicht. Weil der Kapitalismus nicht etwas Naturgegebenes ist, habe ich das Wort „Kapitalismus“ auch nur oberflächlich mit roter Kreide auf die schwarze Fläche geschrieben.

 

"Schatten und Licht“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

In einer indischen Erzählung beschwert sich der Schatten bei Gott, weil er immer von der Sonne verfolgt wird. Gott stellt die Sonne zur Rede. Die Sonne aber sagt, sie kenne keinen Schatten und könne sich deshalb auch nicht erinnern, jemals einen Schatten verfolgt zu haben.

Wo Licht hinfällt, gibt es keinen Schatten. Licht könnte aber nicht gesehen werden, wenn es keine Gegenstände gäbe, auf die es fallen kann. Durch den Lichteinfall auf Gegenstände entstehen aber auch Schatten. Schatten kann aber im Licht nicht bestehen. Schatten ist nichts Substantielles oder Selbständiges.

In diesem Sinne können wir auch unsere Wirklichkeit betrachten. Ohne das Göttliche, den Grund aller Wirklichkeit (die weiße Fläche) gäbe es die äußere Welt nicht. Andererseits wird durch die Schaffung der äußeren Wirklichkeit (die schwarze Fläche) das Göttliche sichtbar gemacht. Durch die äußere Wirklichkeit entsteht dann auch der Schatten.

Dieses Bild kann auf das christliche Erklärungsmodell der Dreifaltigkeit übertragen werden: Gott, der „Vater“ (das Sein) wird sich seiner selbst Bewusst und erzeugt dadurch den „Sohn“. In dieser Bewusstwerdung entsteht auch die äußere Wirklichkeit wie die bunten Farben, die durch das Licht, das durch eine Prisma geht, entstehen.

Die schwarze obere Fläche sticht gegen die untere weiße scharf ab. Das Weiß wird durch das Schwarz aber auch erst richtig zum Leuchten gebracht.

Schwarz und Weiß können auch mit den buddhistischen Vorstellungen von Leere und Form in Zusammenhang gebracht werden.

Auf das menschliche Handeln bezogen kann Schwarz und Weiß für die Sanskritunterscheidung von Manolaya und Manonasa stehen.

Manolaya ist das ganze äußere bewusste und aktive Handeln. Insofern gehört auch der ganze Bereich der Meditation dazu.

Manonasa ist das Nichthandeln, im Taoismus wu wei. Dabei geht es um den geistig-seelischen Bereich. Nach außen soll der Mensch aktiv sein und entsprechend seiner Pflichten die äußere Wirklichkeit gestalten, nach innen soll er ganz offen und gegenwärtig, ohne alle Verfälschungen durch Konzepte und Vorprägungen, sein wie ein Kind, im Zustand der Kontemplation. So kann er in jeder Situation den äußeren Bedingungen entsprechend angemessen handeln.

Nach den Lehren von Meister Eckharts, dem größten mittelalterlichen Mystikers, soll der Mensch ganz gelassen sein. Gelassenheit entsteht aus der absoluten Hingabe an Gott. Ein gelassener Mensch handelt (innerlich) nicht selbst. Gott handelt durch ihn. Er will nichts, weiß nichts und hat nichts. Nach außen kann er aber sehr aktiv sein.

 

"Aktivität und Stille“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Das orange Feld sticht so stark hervor, dass das blau-violette von einigen Betrachtern nicht wahrgenommen wird. Ähnlich ist es auch in unserem alltäglichen Leben. Wir sind so nach außen gerichtet, dass wir die innere Stille nicht mehr wahrnehmen.

An diesem Bild kann die Bewegung nach innen eingeübt werden.

 

"Kirche in Schieflage“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Die Silhouette der Kirche ist ohne jede Individualität. Es ist die Kirche. Sie kann für die Kirchen aller Konfessionen stehen.

Die Kirche ist in Gefahr, nach links unten abzurutschen, aus dem Leben heraus.

Die Kirchen sind weitgehend leer und ihre Mitgliederzahlen schrumpfen. Die Ursachen dafür werden von den Kirchen meistens außen gesucht. Ich bin aber überzeugt, dass die Hauptursachen bei ihnen selber liegen. Nicht ihre äußeren Formen stimmen nicht mehr – das sicher auch oft –, ihre Lehre kann nicht mehr vermittelt werden, die Ideologie stimmt nicht mehr. Ein wichtiger Punkt dabei ist die sogenannte „Satisfaktionslehre“, die Vorstellung, dass Gott seinen eingeborenen Sohn grausam hinrichten ließ, um die Menschen zu retten. Nur so konnte er zufrieden gestellt werden. Nicht nur, dass hier noch in mythischen Bildern gedacht wird, ein solcher Gott kann auch nicht als liebender Gott verstanden werden. Diese Opfertheologie geht vor allem auf Paulus zurück und hat mit dem Gott, den Jesus von Nazareth gepredigt hat, nichts zu tun. Für ihn war Gott der „Abba“ der liebende Vater.

Die Kirchen hätten die Aufgabe, auf die transzendente Wirklichkeit hinzuweisen, auf das Reich Gottes, das in uns erfahrbar ist. Die eingegrabene Linie, die die Kirche auf der schwarzen Fläche des Bildes darstellt, ist weiß. Sie weist auf die unter der schwarzen Fläche liegende weiße hin, die die Jenseitigkeit in unserer Wirklichkeit darstellt. Diesen Hinweischarakter müssten die Kirchen haben. Sie geben – wie auch schon Jesus den religiösen Führern seiner Zeit vorgeworfen hat – den Menschen aber Steine statt Brot. Die gängigen Lehren der Kirchen sind für die normalen Menschen unserer Gesellschaft nicht mehr zu kauen.

 

"Totenvögel“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

Ende 2012 sind einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis gestorben, u. a. der geschiedene Mann meiner Frau. Es kann sein, dass das Bild damit etwas zu tun hat. Angeregt wurde es durch die bunten Vögel auf unseren Bettbezügen.

Wie ich das Bild genau deuten soll, weiß ich nicht. Die Vögel sehen nicht sehr gefährlich aus und fliegen durcheinander. Keiner weiß, wo sich einer niederlassen wird. Auch die Totenvögel haben einen weißen Hintergrund und gehören zur ganzen Wirklichkeit.

 

"Der Große und der Kleine“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

„Als ich in die Welt kam, oder vielmehr: als die Welt in mich kam, war ich für die anderen ein kleines Baby. Für mich selbst jedoch war ich grenzenlos. Ein Baby ist Raum, in dem sich die ganze Welt ereignen kann - eine chaotische Welt, ja, aber ein weite Welt. Ich kam als der Große hinein.

Im Laufe der Jahre begann ich dann einen Kleinen dort im Spiegel zu bemerken. Er tauchte immer wieder dort auf und starrte mich an. Er kam mir vor wie ein sehr anhänglicher Freund, wie ein treuer, mir stets hinterher laufender Hund.

Zunächst ist jenes Gesicht im Spiegel nicht unser Gesicht. Es ist unser kleiner Kamerad, den wir nicht kennen, mit dem wir uns langsam anfreunden, mit dem wir spielen.“

„Dann kommt das zweite Stadium, in dem wir immer noch Unendlichkeit sind, aber aus sozialen Gründen haben wir gelernt, in den Spiegel zu schauen und zu sagen: »Ja, das bin ich« .. Eltern und Geschwister und so genannte Erwachsene reden uns ständig ein: »Das bist du!« Auch ich kaufte ihnen das ab. Ich stimmte zu, dass ich, Douglas, der im Spiegel war. ..Wenn wir im selben Alter jedoch fröhlich waren und uns in unserem natürlichen Zustand befanden, uns wohl fühlten und nicht unter Druck standen, dann waren wir immer noch der Große, absolut weit und offen für die Welt und nicht begrenzt durch jenes Gesicht. Das ist eine glückliche, gesegnete Zeit - von vier, fünf, sechs Jahren bis vielleicht zehn, elf, zwölf. Das schwankt ziemlich stark. Du bist dem menschlichen Verein beigetreten, aber du hast noch nicht den ganzen Mitgliedsbeitrag bezahlt.“

 

(Karikatur aus: Jean Effel: Himmelswerkstatt)

 

Diese Zeichnung demonstriert sehe gut, wie der Heranwachsende der Vereinnahmung durch die Erwachsenenwelt zeitweilig noch entkommt. In seinem offenen Bewusstsein kann er frei sein. Er kann der Alltagswelt entkommen gegen alle Regeln des rationalen Verstandes. Er reitet auf der Sternschnuppe einfach in die „falsche“ Richtung in die offene Weite des Alls. Auch Heiliges gibt es für ihn nicht. Er benutzt seinen Heiligenschein wie eine Kappe, mit der er den Zurückbleibenden fröhlich winkt.

Wie hat Boddhidarma, der den Buddhismus nach China gebracht hat, dem Kaiser auf die Frage nach der letzten Wahrheit geantwortet? „Unendliche Weite, nichts Heiliges.“

„Aber was ist der ganze Beitrag? Das ist das dritte Stadium, und es ist unglaublich, absolut unglaublich. Es kann als etwas Großartiges beginnen, aber es wird verrückt und höllisch. Was ist dieses dritte Stadium? Es ist dies: Wir löschen den Großen einfach aus, als hätte er niemals existiert. Es ist unglaublich. Wir nehmen den Raum heraus und werden unser Gesicht. Wir werden zum Kleinen. Wir schrumpfen von einer Weite - so weit wie die weite Welt - zu dem zusammen, wie wir aussehen. Dies ist es, was dem heranwachsenden Kind passiert. Ist es da verwunderlich, dass Teenager wütend und zornig sind, ohne zu wissen warum? Der Grund dafür ist, dass sie von einer Weite - so weit wie die weite Welt - zu jenem Kleinen im Spiegel zusammengeschrumpft sind. Sie haben ihre Unendlichkeit verloren.

Es ist ein Stadium, das wir alle durchlaufen müssen, und es ist die Hölle. Weil ich meine reine Kapazität ausgelöscht habe, stehe ich gegen die Welt. Ich konfrontiere die Welt. Ich habe hier ein Ding bekommen, das meinen Raum blockiert. Ich habe hier einen Block bekommen, einen Block in doppeltem Sinn. Ich werde ein Verdammter, weil der Kleine ja stirbt. Es ist die Hölle. Und es ist unwahr, es ist alles nur eingebildet. Die Hölle ist das Produkt einer sehr, sehr starken, sehr lebhaften und ungeordneten Fantasie. Es ist ein Missverständnis, eine soziale Fiktion, aber, meine Güte, es ist in einem anderen Sinne auch so real. ..Also, das ist das tragische dritte Stadium: Ich bin, wie ich aussehe.

Das vierte Stadium… ist etwas vollkommen Einfaches, Offensichtliches. Was ist es? Es ist die Unendlichkeit hier. In Wirklichkeit haben wir dieses Stadium ja nie verlassen. Das dritte Stadium war ein Traum, ein Albtraum. Was ich gesehen habe, indem ich den Großen aufgesetzt habe, ist das, was ich für mich selbst bin - grenzenlos, geräumig, unvergänglich, weit geöffnet, makellos und wach. Das ist es, was ich hier bin. Das Gesicht im Spiegel ist das, wie ich dort aussehe. Und die Entfernung zwischen den beiden beträgt ungefähr einen Meter.

Das sind also die vier Stadien: das Kleinkind, das so grenzenlos weit wie die Welt ist; das Kind, das genau so und nicht anders ist, sich aber aus sozialen Gründen damit einverstanden erklärt, zu jener kleinen Kreatur zu schrumpfen, die ein doppeltes Spiel spielen muss; der Erwachsene, der zu jenem Kleinen wird; und der Sehende, der Große, der hier wach ist.

(Harding, Douglas E.: Die Entdeckung unserer wirklichen Natur, Berlin 2002, S.61- 63)

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich einkehren“ (Jesus von Nazreth)

Wir müssen wieder zu der Offenheit des Kindes zurückfinden.

 

"Der Vogel" (Adler als geistiger Lehrer) (2012) - 59,5 x 59,5 cm

Abb. 29: Der Vogel (Adler) als geistiger Lehrer? Aus dem Catal-Hüyuk-Schrein, Türkei, ca. 6000 v. Chr. (Hoffman 1992, S. 123)

Aus: Hoffmann, Kaye: Tanz durchs Labyrinth: heilsame Verwirrung: sich verlieren, um sich zu finden, Oldenburg 1994

 

Was die Menschen vor 8000 Jahren mit dieser Zeichnung verbunden haben, wissen wir nicht. Das Bild gibt aber sehr schön wieder, um was es auf dem Weg zur Erleuchtung geht. Wir müssen die Köpfe verlieren. Der große Vogel, vielleicht ein Symbol für das Geistige, pickt die Köpfe ab.

„Der beste Tag meines Lebens - mein Wiedergeburtstag sozusagen - war, als ich merkte, dass ich keinen Kopf hatte. Das ist kein literarischer Schachzug, keine geistreiche Bemerkung, um damit um jeden Preis Interesse zu wecken. Ich meine das mit vollem Ernst: Ich habe keinen Kopf.“

Douglas Harding (englischer Religionsphilosoph und Mystiker)

„Meine Seele wurde fortgetragen und gewöhnlich auch mein Kopf, ohne dass ich in der Lage war, das zu verhindern."

HI. Teresa von Avila (spätmittelalterliche christliche Mystikerin)

Enthaupte dich selbst! Löse deinen ganzen Leib ins Sehen auf: werde sehen, sehen, sehen!"

Rumi (größter persischer Dichter und Mystiker)

Wenn man die Augen aufmacht und den Körper sucht, kann man ihn nicht mehr finden. Das nennt man: In der leeren Kammer wird es hell. Innen und außen, alles ist gleich hell. Das ist ein sehr günstiges Zeichen."

Das Geheimnis der Goldenen Blüte

„Gib dich völlig . Sogar wenn der Kopf selber weggegeben werden muss, warum solltest du deshalb weinen?"

Kabir

 

„Dem, der nichts weiss, wird es klar enthüllt."

Meister Eckart (1260-1327)

(s. auch Beschreibung zum Bild: „Schamanistische Kraftübertragung aus dem Kosmos.“)

 

"Schamanistische Kraftübertragung aus dem Kosmos“ (2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

 

Abb. 28: Felszeichnung aus dem Mennomini-Gebiet, Michigan. Schamanistische Kraftübertragung aus dem Kosmos. (Hoffman 1992. S. 104)

Aus: Hoffmann, Kaye: Tanz durchs Labyrinth: heilsame Verwirrung: sich verlieren, um sich zu finden, Oldenburg 1994

 

Diese Zeichnung der Indianer aus dem Mennomini-Gebiet ist zunächst mal unverständlich. Was die Indianer genau damit ausdrücken wollten, in welchem Zusammenhang es verstanden wurde, wissen wir nicht genau. Kaye Hoffmann sagt dazu (Ausschnitte aus ihrem Text):

„Am Anfang meiner ganz persönlichen Betrachtung über die Entwicklung und Ausgestaltung des Labyrinths als abendländischer Beitrag zur symbolisch-metaphorischen Bildergeschichte des menschlichen Bewusstseins steht diese Felszeichnung aus Michigan, Mennonini territory, USA.

Es ist eine kopflose Gestalt, die durch eine Art Nabelschnur mit einem sonnenähnlichen Wesen verbunden wird. Wenn ich mir diese Gestalt anschaue, erinnere ich mich an eigene Erfahrungen, zum Teil unter Drogen, die mich an der lichten und leuchtenden Natur der Dinge in dieser Welt teilnehmen ließen.“

„Im normalen und durch unsere Wahrnehmungsgewohnheiten genormten Alltagsbewusstsein unterscheiden wir zwischen belebter und unbelebter Materie. Und auch der belebten Materie, unter anderem unserem eigenen Körper, ordnen wir eine feste, klar umrissene und nur wenig veränderliche Gestalt zu.“

„Der Geist bildet die Form, die sich materiell zeigt, sich in Materie manifestiert. Der Geist kann sein eigenes Wesen erkennen, wenn er seine Herkunft erkennt. Der Geist erkennt sich in den von ihm geschaffenen Formen. Wir in der Welt bilden zusammen diese Muster veränderlicher Schwingungsgestalten. Es kommt auf uns an. Wir sind mit der Welt, mit allem verbunden durch diesen gemeinsamen Nenner unserer Herkunft und unserer Bestimmung. Ich bin Licht. Du bist Licht.-Wenn wir dies gemeinsam denken, entsteht eine Auflösung der Gewohnheiten, die uns an die Annahme fester, unveränderlicher Weltgestalten bindet.“

„Aber warum ist die erste Gestalt kopflos? Viele schamanische Trance-Reisen haben das Verschlungenwerden zum Thema. Auch wird von dem Erlebnis berichtet, ein Tiergeist hätte dem Reisenden den Kopf abgerissen, ihn gespalten oder gefressen. Trotzdem bleibt ein Restbewusstsein, das als Zeuge dieses wahrnimmt, so dass der Reisende später davon berichten kann. Sind die prähistorischen Abbildungen solche Zeugnisse?

Die kopflose Gestalt ist mit der Lichtquelle verbunden. Die Verbindung geht über eine Schnur zum Bauch, was die Assoziation einer Nabelschnur nahelegt. Gleichzeitig wird von Meditierenden berichtet, dass im Bauch eine Art Urerinnerung an eine solche kosmische . Verbundenheit gespeichert ist, so dass dort eine andere Art von Wissen und Weisheit vorherrscht als die im Kopf. Die Japaner sprechen von Hara, was wörtlich Bauch bedeutet und gleichgesetzt wird mit einer Kraft, die sich aus dem Wissen um die kosmische Verbundenheit speist. Im Hara ist der, der ganz bei sich ist und in seiner Mitte ruht - eine Fähigkeit und Eigenschaft, die vor allem in den Kriegskünsten der Samurai und auch in Bezug auf die modernen Leistungsansprüche ihre Bedeutung erhält.

„Das unmittelbare Wissen um die kosmische Verbundenheit zeigt sich durch Instinktsicherheit.“

„Klarheit und Ordnung resultieren daraus; obwohl die Erfahrung selbst verwirren muss. Dieses scheinbare Rätsel löst sich auf, wenn wir unterscheiden, was sich verwirrt, und was sich klärt: Verwirrend ist die unmittelbare Erfahrung der Weltverbundenheit, wenn wir von den auf Absicherung und Beständigkeit hin ausgerichteten Alltagsgewohnheiten ausgehen. Klärend ist sie hingegen, wenn wir uns auf einer tieferen Ebene als kosmische Wesen verstehen und durch die Erfahrung darin bestätigt werden.“

(Soweit die Auszüge aus dem Buch von Kaye Hoffmann.)

 

Von unserem Thema der Kopflosigkeit her, lassen sich zu diesen Betrachtungen leicht Parallelen zeigen:

Das letzte, was wir bei der Suche nach unserer wahren Natur gefunden haben ist unser Gewahrsein. Im Gewahrsein erleben wir den Raum des Kopfes als große Weite und als Raum der Verbindung mit dem einen Bewusstsein, in dem alles verbunden ist. Auf diesen hellen Raum, der auch als helles Licht erfahren wird, kann das sonnenähnliche Gebilde der kopflosen Gestalt hinweisen. Und wenigstens genauso interessant: die nabelschnurähnliche Verbindung mit dieser herz- oder bauchförmigen Form und die Interpretation durch Kaye Hoffmann. Sie unterstreicht die Bedeutung für unsere Erkenntnis durch Intuition.

 

Die Intuition ist ein göttliches Geschenk,
der denkende Verstand ein treuer Diener.
Es ist paradox, dass wir heutzutage
angefangen haben, den Diener zu
verehren und die göttliche Gabe zu entweihen.

Albert Einstein

 

"Die ungezogenen Kinder" (2012) - 59,5 x 59,5 cm

(Cheri Samba)

Der Titel stammt von dem afrikanischen (Zair) Künstler selbst. Ich habe das Bild in der Zeitschrift „Art“ 7/91 auf S. 91 gefunden. Hinter den Titel stand „eher liebevoll als missbilligend betrachtet im Jahr 1983“. Diesen liebevollen Blick hatte auch ich auf dieses Bild. Ich habe es ausgeschnitten und mittig auf ein schwarzes Quadratbild geklebt. Um das Bild habe ich mit etwas Abstand eine weiße Furche gezogen.

Das heimliche lustvolle schauen der Jungen auf die sich waschenden oder badenden nackten jungen Frauen ist vielleicht noch halb eine Erinnerung an ihre Mütter, aber wahrscheinlich noch mehr ein Versprechen auf die erotische und sexuelle Erfüllung verheißende Zukunft. Die Szene verweist über sich hinaus auf eine der großen Glückserfahrungen, die ein Mensch machen kann und damit auf das Transzendent-Göttliche.

Die weiße Furche stellt das Bild in diesen transzendenten Rahmen.

Bei meinen schwarzen Quadratbildern liegt ja unter der schwarzen Farbschicht eine weiße, die das Jenseitige symbolisiert. 

Sexualität war in der christlichen Tradition häufig vom Teufel und musste bekämpf werden. Besonders schwer hatten es die Menschen damit, die keusch leben mussten. Ihnen war die sexuelle Wonne verboten.

Pater Ignation, ein Mönch auf dem Berge Athos, berichtet über seine Erfahrung:

"Die Frau und nicht das Gebet führe Gott in mein Zimmer“

(Der folgende Bericht ist ein Ausschnitt aus einem Bericht aus dem Buch „Christentum“ von Hubertus Halbfas, S. 206-209):

Eine Zeit lang schwieg er, als bereue er seinen Entschluss. "Pater Ignatius“, sagte ich, "zögere nicht, sprich frei, auf dass es dich erleichtere.“

"Es ist kein Schmerz", sagte er. und plötzlich gewann seine welke Stimme an Kraft, "es ist nicht der Schmerz, es ist Freude. Eine verfluchte Freude? Eine gesegnete? Jahrelang quäle ich mich, es zu klären, ich vermag es nicht: deswegen rief ich dich her, ich brauche Hilfe: begreifst du?"

Als er diese Worte gesprochen hatte, öffnete sich sein Herz, er zögerte nicht länger. schlug das Kreuzeszeichen, und ohne mich anzuschauen, mit dem Blick auf die Öllampe, die ihm gegenüber neben der Ikone des Gekreuzigten brannte, begann er:

"Ich habe jahrelang Gott gesucht, mein Sohn, und sah ihn nicht. Jahrelang fiel ich auf die Knie, sieh meine Hände, sie sind voller Schwielen. jahrelang bat ich: Gut, falls ich unwürdig bin, soll ich Gott nicht sehen. Ich soll ihn nicht sehen, doch lass mich nur seine Gegenwart spüren, auf das ich mich freue, sei es auch nur für einen Augenblick, auf dass ich mich als Christ fühlen kann und meine Jahre im Kloster nicht vergebens gewesen seien. Ich bat, ich weinte, ich fastete; vergebens, vergebens! Mein Herz konnte sich nicht auftun, damit Gott eintrete. Satan hat es verschlossen und behielt den Schlüssel." Dann fuhr er, ohne zu stocken, fort:

"So quälte ich mich viele Jahre lang und spürte, dass mein Leben verloren ging. Das Gebet nützte nichts, nicht das Fasten, die Einsamkeit. Mir kam mit Entsetzen der Verdacht, das sei nicht der Weg, der mich zu Gott führe. Ein anderer sei der Weg, ein anderer, doch welcher? Bis eines Tages der heilige Abt mir antrug. die Aufsicht in einem Besitz des Klosters bei Thessaloniki zu übernehmen. Es war Sommer. Erntezeit. und ich musste dort sein, damit die Pächter uns nicht betrögen."

Zwanzig Jahre hatte ich das Kloster nicht verlassen, keine Menschen mit Kindern gesehen. kein Lachen gehört, keine Frau erblickt.

Es war sehr heiß in der Ebene, und ich erst etwa vierzig Jahre alt. Einundzwanzig Jahre lang war ich gefangen gewesen. nun hatten sich die Tore des Gefängnisses aufgetan, und ich atmete frische Luft. Ich hatte vergessen, wie Kinder spielen. sich auf der Erde balgen, Frauen mit dem Wasserkrug auf der Schulter zum Brunnen gehen und junge Männer mit einem Basilikumzweig hinterm Ohr in den Tavernen Wein trinken.

Eine Frau vor dem Tor der Klosterbesitzung hielt ihr Kleines im Arm und stillte es. Einen Augenblick lang glaubte ich - Gott verzeihe mir -, dass sie die Jungfrau Maria sei, und ich wollte mich beugen und sie anbeten. Ich sage dir, ich hatte zwanzig Jahre lang keine Frau gesehen, ich war verwirrt. Und sie, als sie mich erblickte, knöpfte ihre Bluse zu, bedeckte ihre Brust und bückte sich, mir die Hand zu küssen.

"Sei willkommen, Pater Ignatius", sagte sie, "wir bitten um deinen Segen." Doch ich weiß nicht, warum ich zornig wurde, ich entzog ihr meine Hand. "Stille nicht vor den Männern", rief ich aus,. "geh hinein!" Sie errötete, zog das Tuch, das ihren Kopf umhüllte, herab und verdeckte ihren Mund und ohne ein Wort zu sagen, ging sie erschrocken ins Haus.«…

Seitdem ich die Brust der Frau gesehen hatte, konnte ich keine Ruhe mehr finden. Ein großer Asket, der heilige Antonius, sagt: "Hast du Ruhe und hörst du plötzlich eine Stimme eines Sperlings, so hat dein Herz nicht mehr seine alte Ruhe." Wenn also die Stimme des Spatzen unser Herz aufwühlt, wie viel mehr die nackte Brust einer Frau! Und vergiss nicht, dass ich sehr jung ins Kloster eingetreten war und keine Frau gekannt hatte, was heißt gekannt? Ich hatte keine Frau berührt. Was sollte ich nun tun? Wie sollte ich Satan bannen? Ich widmete mich dem Fasten und dem Gebet, ich nahm den Ochsenzimmer und peitschte meinen Körper, bis er eine einzige Wunde war. Vergebens, vergebens! Verblasste das Licht der Öllampe, sah ich im Halbdunkel eine weiße Brust schimmern.

Diese Frau, die ich am ersten Tag an der Schwelle gesehen habe, brachte mir jeden Abend einen Teller Essen und einen Becher Wein; sie kam morgens und trug alles wieder fort.

Sie blieb einen Augenblick stehen, als wolle sie mich fragen. warum ich nichts zu mir nehme, doch sie wagte es nicht. Aber eines Abends - es war Sonntag, und sie war nicht müde von der Feldarbeit wie an den Wochentagen, sie hatte ihr Haar gewaschen und trug Sonntagskleider - ich weiß nicht: ein Mieder mit roter Stickerei; es war heiß, und ihr Hemd stand ein wenig offen, so dass ihr Hals einen Finger breit zu sehen war. Und sie dürfte ihr Haar auch mit Lorbeeröl gesalbt haben, so wie es die Frauen auf den Dörfern tun, denn sie roch danach. Ich weiß nicht, warum sie mich an die Kirche zu Ostern erinnerte. wo wir sie mit Myrten schmücken und Myrtenzweige auf den Boden streuen: die ganze Luft roch nach Lorbeer und Auferstehung.

Sie stellte den Teller und den Wein auf den Tisch und fasste auf einmal - wer weiß warum, vielleicht weil sie gebadet hatte, weil sie ausgeruht war, vielleicht kann das Bad und der Duft und ein offenes Knopfloch dem Bösen helfen, einen Menschen zu versuchen - sie fasste also Mut und ging an diesem Abend nicht sofort weg, sie blieb stehen.

"Warum isst du nichts mehr, Pater Ignatius?" fragte sie, und ihre Stimme verriet Mitleid und Sorge.

Wirklich, es war, als habe sie ihren Sohn tagelang nicht stillen können und sei nun besorgt. dass er krank ist.

Ich antwortete ihr nicht. Sie aber blieb; sie blieb. Weißt du warum? Du bist noch jung. und du weißt es nicht; denn der Teufel im Leib der Frau schläft nie: er ist rastlos tätig.

"Du magerst ab. Pater Ignatius", sagte sie weiter. "Auch der Körper ist von Gott, wir müssen ihm Nahrung zuführen."

"Geh hinter mich, Satan," murmelte ich im Stillen und hob nicht die Augen, um die Frau anzusehen.

Und plötzlich stieß ich einen Schrei aus, als ersticke ich: "Geh!" Die Frau erschrak, lief zur Tür. Doch als ich sie der Tür nähern sah, dachte ich mit Entsetzen daran, dass sie gehen würde, stürzte mich auf sie und packte ihr Haar. Ich pustete die Öllampe aus, dass der Gekreuzigte nicht zusehen sollte, sie erlosch. Die Finsternis ist die Wohnung des Satans. Ich hielt sie noch am Haar, warf, warf sie auf die Bettstelle. Ich brüllte wie ein Kalb; sie schwieg, ich riss ihr Kopftuch ab, knöpfte hastig ihre Bluse auf ...

Wie viele Jahre sind seitdem vergangen? Dreißig? Vierzig? Nichts ist vergangen: die Zeit ist stehen geblieben. Hast du jemals die Zeit stehenbleiben sehen? Ich habe es gesehen. Dreißig Jahre knöpfte ich ihre Bluse auf und es nimmt kein Ende. Bis zum Morgengrauen hielt ich sie bei mir und ließ sie nicht gehen. Was war das für eine Freude, mein Gott, für eine Erleichterung! Für eine Auferstehung! Mein ganzes Leben war ich wie gekreuzigt gewesen, in jener Nacht bin ich auferstanden. Und noch dies Fürchterliche und das allein ist, glaube ich, meine Sünde, und deswegen habe ich dich hierhergebeten, dass du es mir erklärst, dies Fürchterliche: Zum ersten Mal fühle ich Gott zu mir kommen mit offenen Armen. Was war das für eine Dankbarkeit, was für Gebete die Nacht hindurch bis zum Morgengrauen. Wie ist mein Herz auf gegangen, damit Gott eintrete. Zum ersten Mal begriff ich, wie allgütig Gott ist und wie sehr er die Menschen liebt: und wie sehr sie ihm am Herzen liegen, dass er für sie die Frau geschaffen und ihr so große Gnade verlieh, uns durch den sichersten und schnellsten Weg ins Paradies zu führen. Stärker ist die Frau als das Gebet und als das Fasten und, verzeih mir, mein Gott, auch als die Tugend.

Er hielt inne, erschrak über seine Worte, warf einen furchtsamen Blick auf den Gekreuzigten, und zwei Tränen rollten aus seinen kleinen tiefliegenden Augen.

"Ich habe gesündigt. mein Christus!" stöhnte er und schloss die Augen, um die Ikone nicht zu sehen.

Bald kam er zu sich, sah mich an. Ich wollte reden, wusste aber nicht, was ich sagen sollte, doch die Stille war mir unerträglich; und die Tränen. die von den Augen des alten Mannes flossen, erschreckten mich. Bevor ich ein Wort sagen konnte, streckte er die Hand aus, als wollte er mir den Mund zuhalten.

"Ich bin noch nicht zu Ende", sagte er. "Warte ... Als der Morgen graute, stand die Frau hastig auf, zog sich an, öffnete die Tür und ging. Ich blieb auf dem Rücken liegen, schloss die Augen und gab mich einem stillen Weinen hin. Doch die Tränen waren diesmal nicht bitter wie Gift - wie jene, die ich in meiner Zelle vergossen hatte -, sie waren von einer unsagbaren Süße, denn ich spürte, Gott war in mein Zimmer gekommen und beugte sich über Mein Kissen; ich war sicher, wenn ich die Hand ausstrecken würde, könnte ich ihn berühren; doch ich war kein ungläubiger Thomas, ich brauchte nicht die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren. Die Frau, die Frau und nicht das Gebet, ich sage es wieder, nicht das Gebet, gab mir diese Sicherheit, führte Gott in mein Zimmer, gesegnet sei sie.

Seit jener Nacht, es sind dreißig, vierzig Jahre her, sitze ich und denke nach: Ob nicht auch die Sünde Gott dient? Ich weiß, ich weiß, was du mir sagen wirst, das sagen alle: Ja, sicher, es genügt zu bereuen. Doch ich habe nicht bereut: ich sage offen, und sollte der Blitz Gottes auf mich fallen und mich verbrennen, ich bereue nicht! Und stände ich vor der Wahl, es wieder zu tun, so würde ich es wieder tun."

Er nahm seine Mütze ab, kratzte sich den Kopf, das weiße Haar fiel herab und verdeckte sein Gesicht. Er blieb eine Weile nachdenklich: ich spürte, dass er zögerte, fortzufahren. Doch schließlich fasste er den Entschluss.

"Ist vielleicht das, was ich getan habe, doch keine Sünde? Wenn es aber so wäre, was heißt denn dann Erbsünde und Schlange und Apfel von dem verbotenen Baum? Ich begreife es nicht. Deswegen habe ich dich gerufen. Kannst du es begreifen? Deswegen habe ich dich gerufen. Ich will nicht sterben, mein Leben hängt noch an zwei, drei Knochen, ich will nicht sterben, bevor ich begriffen habe."

 

"Braune Fläche in schwarzem Rahmen" (März 2012) - 59,5 x 59,5 cm

 

13.3.2012

Letzte Nacht hatte ich einen komischen Traum. Ich beschäftigte mich mit zwei Texten, einer vielleicht eine halbe Seite, der andere noch etwas kürzer. Die Autoren waren Rechtsradikale. Ich sollte diese Texte kritisieren. Wozu sie gedacht waren, ist mir unklar. Sie schienen aber auch für irgendein neues Bild von mir gedacht zu sein. Meiner Einstellung entgegen konnte ich aber nichts Negatives an diesen Texten entdecken.

Dieser Traum könnte mit meinen neuen Schwarzen Quadratbildern zusammen hängen. Das nächste Bild soll nämlich ein schwarzer Rahmen mit einer einfach nur braunen Innenfläche werden. Ich warte nur noch seit Tagen auf entsprechende Presspappen, die mir Markus herstellen will. Nach dem Traum viel mir ein, dass Schwarz und Braun ja genau die Farben der Nazis waren. Wie soll ich das deuten? Mit der Naziideologie habe ich nun wirklich nichts am Hut. Warum dann aber Braun und Schwarz? Ich habe ja schon vor ein paar Tagen über meine schwarzen Bilder nachgedacht und vermutet, dass sie etwas mit einem festen starken Grund zu tun haben könnten. Vielleicht ist so eine Blut- und Bodenideologie mit ähnlichen Gefühlen verbunden. Die Farbenwahl der Nazis war ja sicher nicht rein zufällig. Für mich haben diese Farben im Moment aber sehr positive, befreiende Wirkung. Das ist alles sehr unklar. Ich will aber von meinen Intuitionen ausgehen und nicht von irgendwelchen rationalen Überlegungen. Wenn Braun, dann Braun, wenn Weiß dann Weiß. Das ist ja auch für mich spannend.

Braun ist aber auch die Farbe der „Mutter Erde“. (s. auch meine Bilder „Regenbogen auf brauen Grund“ und „Besser als gestern, schlechter als morgen“) Braun ist der Grund auf der Ebene des schwarzen Rahmens.

 

 

"Zu Ehren von Vincent van Gogh, Die Sternennacht“ (2014) - 59,5 x 59,5 cm

 

Dem Bild habe ich den Titel „Zu Ehren von Vincent van Gogh, Die Sternennacht“ gegeben. Ich habe es am 25.3.14 beendet. Es kann sein, dass der ein oder andere das Bild als etwas ungehörig ansieht, denn der Mittelpunkt des Bildes ist ein Druck des Gemäldes „Sternennacht“ von van Gogh. Hans-Gerd H. aus unserem Dorf hatte mir vor einiger Zeit einen alten Kalender mit großen Drucken von van Gogh gebracht, weil er ihn nicht einfach wegwerfen wollte. Das Bild „Sternennacht“ ist nun für mich eines der eindrucksvollsten Bilder von van Gogh. Als ich es sah, war ich wieder begeistert und was könnte ein Gemälde mehr vermitteln? Ich hatte dann die Idee, diesen Druck in entsprechendem Rahmen in die Öffentlichkeit zu bringen. Es passt ja durchaus in meine Quadratbilder mit schwarzem Rahmen. Der schwarz Rahmen stellt das Bild in unsere äußere Wirklichkeit. Aus dem weißen Hintergrund – der Transzendent - kommt dieses faszinierende Bild und es führt in diesen transzendenten Raum zurück.

Wie Feuerwellen rollen die Gestirne über den Himmel oder stehen dort mit großem Hof. Der Himmel, der zwei Drittel des Bildes ausmacht, ist ganz durchleuchtet und in der rechten oberen Ecke steht eine orangene Mondsichel, die an ein Bild von C.D. Friedrich – ich glaube es heißt die Mondnacht – erinnert. Auch hier ein erhabenes Zeichen einer anderen Welt, das uns aber vertrauter ist, als die fernen Sterne. Ein Gegenpol zu der fast schwarzen Konifere in der linken unteren Ecke. Sie sieht aus wie eine finstere Flamme, die in den Himmel züngelt. Ein Dorf liegt friedlich im Schutz eines Waldes und von felsigen Bergrücken. Aus einigen Fenstern der Häuser scheint ein warmes Licht. In der Mitte des Bildes zeigt ein spitzer Kirchturm in den Himmel. Vielleicht hatte van Gogh eine Ahnung von der unendlichen Fülle und Energie des sogenannten Vakuums, des leeren Raumes, der eigentlich – wie uns die Quantenphysiker sagen – eher ein Plenum ist.

Damit das Bild nicht vergilbt, habe ich es mit einer Mischung aus Magnesiumcarbonat und Schreinerleim in Wasser aufgelöst von hinten bestrichen und dann aufgeklebt. Ich hoffe, dass das hilft.

 

14.5.2014

Gestern Nacht bin ich vor dem Schlafengehen noch auf den Balkon gegangen, weil der Vollmond schien. Unerwartet kam eine Stimmung von Freude und so etwas wie Geborgenheit in mir auf, etwas wie eine Märchenstimmung, wie ich sie manchmal als Kind erlebt habe. Der Mond bekam wieder ein Gesicht und schaute mich freundlich an, die weite Landschaft, die im entfernt im Dunst verschwand und die Schatten der Häuser des Dorfes nach rechts hin unter mir. Sie erinnerten mich an die „Sternennacht“ von van Gogh. Ich glaube das liegt daran, dass die Quantenphilosophie mir wieder eine Heimat im unendlichen Weltall gegeben hat, in der ich getrost leben kann.

 

Entstehungsgeschichte der Schwarzen Quadratbilder

 

20.2.2012

Vorgestern hat mir Markus endlich neue Bilderrahmen gebracht. Zunächst fünf schwarze und heute nochmal 18 weiße. Eigentlich weiß ich schon gar nicht mehr so genau, warum ich schwarze haben wollte. Ich glaube, es hing mit einem Todesfall zusammen oder mit irgendeiner Intuition, an die ich mich nicht mehr erinnere. Ich dachte – soweit ich mich erinnere – an einen schwarzen Rahmen mit weißer Fläche, in der Mitte ein großes schwarzes Quadrat, umgeben von kleinen roten. Vielleicht bin ich auch mit meinen Bildern an ein gewisses Ende gekommen. Was ich jetzt mache, ist irgendwie Wiederholung. Der schwarze Rahmen ist zwar neu, aber die Fläche bleibt weiß und die Quadrate farbig. Der schwarze Rahmen stellt das Bild nicht in die Wirklichkeit der Kontemplation, sondern des Todes. Das waren so meine Gedanken. Sie befriedigten mich aber irgendwie nicht.

Gestern Morgen im Bett kamen mir dann, wie ich meine, die richtigen Intuitionen: Der schwarze Rahmen mit schwarzer Bildfläche und darauf farbige Quadrate oder andere Inhalte. Dabei habe ich das Gefühl von etwas ganz Solidem und Festem. Zwar nicht nur unsere äußere Wirklichkeit oder irgend wie auch, sondern – anders als der weiße Rahmen, der auf die Erfahrung der Kontemplation zielt und sich irgendwie „leichter“ anfühlt und auf Auflösung hin - irgend wie fester und mehr bei mir bleibend, vielleicht als ein fester Grund. Das kann mit meiner Beschäftigung mit Meister Eckhart zusammen hängen und mit meiner Erkenntnis und der Einübung dieser Erkenntnis entsprechend dem von mir aus dem Englischen übersetzten Buch des Inders Bagawath. Das war mein Thema in meinem diesjährigen Winterseminar in Hardenberg. Das ist alle noch etwas unklar.

Vom formalen her ist es so: Auch Schwarz ist keine Farbe oder eine nichtbunte. Sie stört auch andere Farben nicht. Insofern kann ich wie bisher rein mit der Farbe komponieren. Der Rahmen stellt auch die „äußere“ Wirklichkeit dar, meine neue Erfahrungswirklichkeit, die mehr von meinem festen Inneren ausgeht. Schwarz ist ja insofern auch die Fülle, als es Summe der Grundfarben, in gewisser Weise die Zusammenfassung allen Sichtbaren. In diesem Rahmen erfahre ich dann in der schwarzen Fläche die Tiefe der „Form“.

Meine letzten Bilder bezogen sich auf „Form“, Leere ist Form, also auch die äußere Wirklichkeit ist Leere, aber eben auch eine Wirklichkeit für sich, auch wenn sie nicht unabhängig für sich steht.

 

7.3.2012

Warum mich das eigentlich negativ besetzte Schwarz so anzieht, weiß ich eigentlich selber nicht genau. Schon 2002 habe ich ein schwarzes Bild gemalt und gerätselt, warum mich die schwarze Fläche so anzog:

 

 

"Das bildloses Dunkel des nackten Seins“ (2002) - 60 x60 cm

 

4.2.2002

Zu meinem Bild, signiert am 22.4.01, habe ich einen interessanten Text gefunden. Aber vielleicht erst etwas zur Vorgeschichte.

Das Bild entstand nach dem Bild mit rotem Grund und schwarzem Kreuz. Ich hatte das Bedürfnis, ein Bild mit nur schwarzer Fläche in dieser Reihe zu machen, monochrom schwarz. Dass mich plötzlich eine schwarze Fläche so anzog, hat mich eigentlich erschreckt. Schwarz ist ja nun wirklich nicht meine Farbe. Den ganzen Urlaub über in Slowenien drängte es mich aber, dieses Bild zu malen. Zu meiner Verwunderung tat es mir dann sogar sehr gut, das Bild anzuschauen. Als ich dann einen Titel suchte, fiel mir nur aus der Alchemie der „Bleizustand der Schwärze“ ein, der aber eigentlich nicht zu meiner Freude am Schwarz passte und Jonas im Bauch des Fisches. Beide haben allerdings die Tendenz zu einer Erlösung oder Befreiung: im Gold oder eben wieder aus dem Fisch befreit zu werden. Auch „Die dunkle Nacht der Sinne“ des Johannes vom Kreuz fiel mir noch ein. Das habe ich dann aber nicht noch auf den Rahmen geschrieben.

 

9.2.2002

In einem so genannten Satsang mit OM C. Parkin stellt ein Teilnehmer die folgende Frage: „Wie ist es, wenn ich das Gefühl habe, ich blicke zurück in das Bewusstsein, das ich wie eine Art ‘schwarzen Nachthimmel’ empfinde und auch als etwas, was nichts ist und zugleich etwas, worin ich mich sogar wohl fühle. Dennoch habe ich immer noch das Gefühl, getrennt zu sein. Ich bin derjenige der dieses dunkle schwarze Nichts betrachtet. Ich bin immer noch der Beobachter, und da ist das Beobachtete. Muss ich mich einfach umwenden, wen ja: Wie kann ich das tun?“ (aus: Parkin, OM C: Die Geburt des Löwen, Freiburg 1998, S. 231)

 

20.11.2015
 
In einem Buch Flasch, Kurt: Meister Eckhart, München 2010 habe ich noch einen für diesen Zusammenhang interessanten Satz gefungen:
„Das Selbst zeigt sich als Dunkelheit. Die Gottesgeburt setzt den Eintritt in diese Selbstdunkelheit voraus. Das heißt <Schweigen>.“ S. 92

 

15.2.2002

Bei Williges Jäger habe ich noch einen interessanten Hinweis zu meinem schwarzen Bild gefunden. Er zitiert dort den Verfasser der „Wolke des Nichtwissens“ aus einem weiteren Werk mit dem Titel: „Schauen ins nackte Sein“. Er spricht dort von dem Blick ins bildlose Dunkel des eigenen nackten Seins. Eine letzte Stufe vor der Vereinigung mit dem göttlichen Grund. Dieses eigene nackte Sein ist noch ein Objekt. Die Subjekt-Objekttrennung ist noch nicht aufgegeben. Diese Trennung kann nur durch die vollständige Aufgabe des Ichs erreicht werden. (s. Jäger, Williges: Suche nach der Wahrheit, Petersberg 1998, S. 212-215).

(Soweit der Text von 2002)

 

Heute habe ich noch ein interessantes Zitat bei Ken Wilber: Wege zum Selbst, S. 208, gelesen. Er zitiert aus dem Zenrin:

„ Im Abenddämmern kündigt der Hahn den Morgen an;

Um Mitternacht die helle Sonne.“

Nun habe ich schon einige Bilder mit schwarzem Rahmen und schwarzer Fläche hergestellt.

 

10.4.2014

Ich habe noch einen interessanten Text zum Erleben der schwarzen Farbe in einem Interwiev mit Papst Franziskus gefunden: „Er sagt mir: Als ihm das Risiko, gewählt zu werden, am Mittwoch, dem 13. März, beim Mittagessen bewusst geworden sei, habe er einen tiefen und unerklärlichen Frieden und einen inneren Trost gespürt - zugleich mit einer völligen Dunkelheit, einer tiefen Finsternis. Und diese Gefühle haben ihn bis zur Wahl begleitet.“

Sapadoro, Antonio SJ: Das Inerview mit Papst Franziskus, 25f.

 

4.9.2012

Ich habe den ganzen Sommer über in Bezug auf meine Bilder fast nichts gemacht. Auch über die Bedeutung der schwarzen Bilder habe ich keine Klarheit gefunden. Ich werde mal einfach Texte zu meinen einzelnen schwarzen Bildern machen – sie auf mich wirken lassen - und dann darüber nachdenken. Vielleicht hat Schwarz ja auch sehr unterschiedliche Bedeutungen, je nach Zusammenhang.

 

19.9.2012

Heute Morgen, als ich aufgewacht war, war mir die Theorie zu meinen schwarzen Quadratbildern plötzlich ganz klar. Sie lässt sich von meinen Erkenntnissen, die ich durch den indischen Guru Bagawath gewonnen habe, leicht erklären. Komisch für mich ist wieder, dass ich die schwarzen Bilder vor der Kenntnis der Bücher von Bagawath begonnen habe. Manchmal glaube ich an parapsychische Einflüsse. Dafür sprechen auch andere komischen Ereignisse aus der letzten Zeit.

 

 

„Memento mori“  (2017)

 

Gestern habe ich dem schwarzen Bild, dass ich Ende Februar geplant hatte, einen Namen gegeben: memento mori. Er entstammt dem mittelalterlichen Mönchslatein und heiß so viel wie ‚Gedenke zu sterben‘ oder Denke daran, dass du stirbst! Dieser Gedanke hatte in der Reformbewegung der Cluniazenser, einem Mönchsorden im Mittelalter, ein besondere Bedeutung. Er sollte vor allem der Reform des Orden und der Kirche dienen. Das asketische Ideal des Mönchstums, das die Nichtigkeit allen Irdischen klarmachen sollte und auf die Entscheidung des Letzten Gerichts ausgerichtet war, rief auch die Laien zur Weltabkehr auf. Der Mensch sollte sich der Vanitas, dem Gedanken, dass alles Leben vergänglich ist, bewusst werden. In Bezug auf den Tod stand nicht der Erlösungsgedanke im Vordergrund sondern Gericht und Strafe. Das Vanitas- und Memento mori-Motiv zieht sich auch durch die ganze Kunstgeschichte.

Mein schwarzes Quadratbild nimmt das Motiv des „Memento mori“ auf. Auf der schwarzen Fläche steht im linken Quadrant – der Bereich, der auf den Tod ausgerichtet ist, - ein weißes Totengerippe. Es ist aus dem weißen Untergrund herausgearbeitet und bezieht sich damit auf die unter der schwarzen Fläch liegenden Transzendenz. Diese Transzendenz ist aber aus meiner kontemplativen Erfahrung heraus und in meiner Bildsprache zwar die Leere, aber nicht die Leere, in der alles vergeht, sondern in die alles aufgenommen wird. Der Tod ist damit nur ein Übergang in eine andere Wirklichkeit. Wie diese Wirklichkeit genau ist, wissen wir nicht, wir wissen aber – und können das anfanghaft erfahren - dass es das unendliche Bewusstsein ist, das auch Gott oder Liebe genannt wird, aus dem alles entsteht und in dass alles wieder eingeht.

Das Totengerippe auf der schwarzen Fläche wird trotzdem für die meisten Menschen abschreckend und beängstigend sein. Natürlich wollen wir – wie jede Kreatur – leben und gerade in unserer Kultur schreckt uns nichts mehr als der Tod, den wir weitgehend verdrängen.

Für mich war der Ausgangspunkt, dass auch ich dem Tod nicht freudig entgegen schaue und manchmal zurückschrecke. Ich muss mir darum immer wieder bewusst machen, dass weder ich noch irgendwer sonst, etwas zu befürchten hat. Das ist die Voraussetzung für ein freies und glückliches Leben.

Das Totengerippe steht aufrecht und erhobenen Hauptes. Es lässt den einen Arm gelassen herabhängen und der andere ist empfangend nach vorne ausgestreckt. Wenn ich mich hingebe und auf Empfangen ausgerichtet bin, habe ich keine Furcht. Das leicht nach hinten geneigte Gerippe zeigt aber trotz allem ein leichtes Erschrecken, dem man wahrscheinlich nicht so leicht entgehen kann.

 

Christian Meyer

Dem Tod und der Angst begegnen

„Im letzten Schritt geht es darum, dem Tod zu begegnen. Der Tod des Körpers ist der offensichtlichste und naheliegendste Tod; der körperliche Tod ist auch die einzig sichere Tatsache des Lebens. Der Tod des Ichs dagegen ist zunächst, wenn man ihn noch nicht erfahren hat, sehr viel weniger plastisch.

Das Leben selbst ist auch eine Metapher. Sie bedeutet unter anderem, dass die Gewissheit des körperlichen Todes dir die Möglichkeit gibt, dich mit dem Wesentlichen zu befassen, nämlich mit dem Nichts.

Insofern ist der körperliche Tod als solches nicht bedeutsam. Er ist nur eine Zukunftsphantasie. Niemand weiß, was anschließend wirklich geschehen wird. Die Erfahrung von körperlichem Tod und Verfall gibt dir ein Bild, eine Metapher, eine Herausforderung, den Sog und das Drängen dahin, das Wesentliche zu finden. Der Tod steht da als die einzig sichere Tatsache des Lebens. Sich dem Tod zu stellen bedeutet nicht, ein mentales Erklärungsmuster heranzuziehen, weder zu sagen: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn danach ist nichts mehr. Wovor sollte ich Angst haben?“, noch zu sagen: „Ach Gott, ich wünsch mir den Tod, dann ist endlich alles vorbei.“ Es bedeutet, dass Du dich auf der Gefühlsebene, auf der Erfahrungsebene dem Nichts stellst, dem Ego-Tod.

Nichts zu wissen, nichts zu haben, keine Pläne mehr zu haben, keine Kontrolle zu haben.

So heißt es auch im tibetischen Totenbuch: ‚Wenn wir den Tod verstehen, dann verstehen wir zu leben.‘ Der Tod ist in jedem Augenblick erfahrbar als das innere Nichts, die innere Bodenlosigkeit. Der Tod muss nicht noch dreißig Jahre auf dich warten oder Du auf den Tod, um ihn zu erfahren.

Du erfährst das Nichts, wenn Du so sehr loslässt, dass Du in dieser Bodenlosigkeit versinkst.

Tot sein heißt in erster Linie, keine Zukunft mehr zu haben. Sterben heißt, die Zukunft aufzugeben. Und wenn Du die Zukunft aufgibst, dann fliegt die Vergangenheit auch weg. Zukunft bedeutet: Ich muss noch etwas erledigen. Ich will etwas noch besser machen. Ich will noch unbedingt dies und jenes zu Ende bringen. All das ist Teil deiner Vergangenheit. Wenn Du das beendest und sagst: ‚Ich will nichts mehr‘, dann fliegt deine Vergangenheit weg. Dann gibt es keinen Menschen aus der Vergangenheit mehr, mit dem Du noch etwas zu erledigen hättest. Dann haderst Du mit niemandem mehr, weil Du nichts mehr willst.

Verschwindet die Zukunft, verschwindet gleichzeitig auch die Vergangenheit.

Das hat nichts damit zu tun, sterben zu wollen, oder mit dem Tod des Körpers. In dem fünften Schritt geht es um die Bereitwilligkeit, das als Erfahrung anzunehmen, was ist: Die eigene Sterblichkeit. Es geht nicht darum, sterben zu wollen, um seine Ruhe zu haben.

Nicht sterben wollen, etwa um seine Ruhe zu haben, sondern bereit sein zu sterben, auch wenn Du das Leben liebst, wann auch immer es geschehen soll, und wenn es in diesem Augenblick wäre.“

 

 

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