Rolf Kluge Ausstellung

 

Rede zur Ausstellungseröffnung mit Fotos von Rolf Kluge am 13.11.11

Rolf Kluge wurde 1954 in Lennestadt geboren. Nach dem Abitur absolvierte er ein Lehramtsstudium mit den Fächern Kunst und Englisch an der Universität Siegen mit anschließendem Referendariat. Von 1982- 1986 Lehrer an verschiedenen Schulen des Kreises Olpe. Nach einer Tätigkeit in einer Werbeagentur machte er sich 1991 selbständig. Weitere Daten können sie dem ausliegenden Flyer entnehmen oder ihn selbst befragen.

Rolf Kluge hat dieser Ausstellung den Titel gegeben „10 seconds or less , selected streetphotography“, 10 Sekunden oder weniger. Ausgewählte Straßenfotografie.

Er zeigt uns also Augenblicksaufnahmen von Straßenszenen, die ihm in Städten begegnet sind. Zufällige flüchtige Augenblicke, die er in 10 Sekunden oder noch schneller festhält. Er fragt sich: „Was macht mein Foto aus einem Zufall, einem flüchtigen Eindruck, einem Augenblick? Antwort: Es stellt daraus visuelle Notizen her, und wenn man Glück hat, erfasst man die Seele des Moments und entdeckt erst später Details.“

Rolf Kluge geht also nicht durch eine Stadt, um bestimmte Fotos zu machen, erst recht arrangiert er nicht Szenen, um sie zu fotografieren. Er sucht nicht, er findet. Das hat ja auch schon Picasso zur Entstehung seiner Kunst gesagt.

Wie kann man das verstehen. Seine Photos sind ja nicht rein zufällig oder beliebig. Das könnte ja jeder. Es muss einen Grund haben, warum ihn gerade eine bestimmte Szene anspricht oder fasziniert. Wie er selbst sagt, muss diese Augenblicksszene eine Seele haben. Das kann für mich nur heißen: es zeigt sich für ihn etwas Ganzheitliches, das in ihm eine Resonanz hervorruft. Voraussetzung dafür ist sicher, dass er schon mit einer bestimmten Einstellung durch die Stadt geht. Er muss offen und bei sich sein, in gewisser Weise konzentriert. Nicht wie der Kaufmann auf sein Geschäft, eher in einer schwebenden Offenheit, die auf nichts Bestimmtes gerichtet ist, wie sie in der Kontemplation gefordert ist. Die Gründe für seine Faszination erschließen sich ihm oft erst im Nachhinein, in Details. Details als Hinweise, sicher nicht als vollständige Erklärung. Wer eine vollständige Erklärung eines Kunstwerkes geben könnte, sei es ein Bild, ein Musikstück oder ein Gedicht, machte das Kunstwerk überflüssig oder schlimmer noch, sagte damit, dass es keins ist. Das Wesentliche eines Kunstwerks lässt sich nicht erklären. Es gehört einer anderen Dimension an und lässt sich nur ganz subjektiv vom Einzelnen erfahren. Über diese Erfahrung kann man sich dann evtl. mit jemanden austauschen, der diese Erfahrung auch gemacht hat.

Für uns Betrachter muss das heißen, dass wir uns in einen ähnlich offenen Zustand versetzen müssen wie der Künstler, als er das Werk geschaffen hat, um die Seele des Bildes zu entdecken. Die Resonanz wird sicher nicht ganz die Gleiche sein. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und damit auch einen eigenen Hintergrund, mit dem ein Bild in Korrespondenz treten kann. Insofern schafft der Beschauer ein Kunstwerk auch immer etwas mit.

Rolf Kluge sagte mir, dass der Amerikaner Saul Leiter, ein Pionier der Straßenfotografie, für ihn wichtig gewesen sei. Dieser Saul Leiter sagt: „Seeing is a neglected enterprise“ , „Sehen ist ein vernachlässigtes Unternehmen“. Ist diese Aussage nicht erstaunlich? Es gab sicher noch keine Generation, die ständig von so vielen Bildern überflutet wurde. Gerade in den Straßen einer Stadt. Und da beklagt Herr Leiter, dass das Sehen vernachlässigt wird. Aber der Grund ist gerade, dass wir überflutet werden. Die Qualität des Sehens hat gelitten. Wir können nicht mehr richtig aufnehmen, weil wir überlastet sind. Wenn nun von Saul Leiter und bei dieser Ausstellung ausgerechnet die Straßenfotografie in den Vordergrund gestellt wird, muss das einen Grund haben. Der Grund ist, dass die Vielheit und Vielfalt der Bilder auf den Straßen durchaus anregend sind. Rolf Kluge sagt dazu: „Ich gehe stundenlang, ohne fertiges Bild im Kopf, getrieben von der Faszination des Unbekannten und Zufälligen.“ Wir dürfen uns nicht von der Fülle der Eindrucke aufsaugen lassen. Wir müssen jeden Moment wach bleiben, um wahr zu nehmen und dann das Gefühl zu haben, dass wir leben. Nur im Augenblick können wir leben. Vergangenheit ist vorbei und Zukunft noch nicht da. Wenn wir leben wollen, müssen wir in den Augenblick zurückkehren und können dann im wahrsten Sinne des Wortes Wunder erleben. Dazu noch mal Saul Leiter: „I like the idea, that simple and unimportant things can be a source of great beauty”, „Ich liebe die Idee, dass einfache und unwichtige Dinge eine Quelle von großer Schönheit sein können.“ Darum geht es in der Straßenfotografie. Wenn Rolf Kluge durch die Straßen streift, stößt er plötzlich auf solche Dinge. Er sagt: „Es ist alles da, Alltag, sich durchdringende Spiegelungen, Ein- und Ausblicke, Glück, Geometrie, Schönheit, Widersprüche, Farben… man muss nur abdrücken.“

„Man muss nur abrücken.“ So einfach ist das, aber auch so wichtig. Ein Maler kann Wochen und Monate um die Schönheit und Richtigkeit seines Bildes ringen. Der Photograf muss den Augenblick nutzen. Alles ist da.

Für den richtigen Augenblick gibt es das griechische Wort „Kairos“. „Kairos ist in der griechischen Mythologie der Gott der günstigen Gelegenheit und des rechten Augenblicks.“ (Wikipedia) Dieser Gott wird mit Flügel an den Beinen und mit einer Haarlocke an der Stirn dargestellt. Der Hinterkopf ist kahl. Wenn er vorbeieilt muss ich diese Haarlocke packen und festhalten, sonst ist die Gelegenheit unwiederbringlich vorbei. Wenn der Straßenfotograf nicht im richtigen Moment abdrückt, ist es zu spät. Dafür können 10 Sekunden oft schon zu lang sein. Streng genommen kann er den genauen Augenblick seiner Intuition nie mit dem Fotoapparat erfassen. Bis er abdrückt, ist die Zeit schon wieder etwas weiter. Aber in Sekunden haben die meisten Situationen sich nicht so gravierend verändert. In der Vorankündigung der Zeitung hatte sich ein Fehler eingeschlichen. Bei der Zahl 10 fehlte die 1, also 0 Sekunden. Die Zeitung wollte es ideal haben.

In der mittelalterlichen mystischen Literatur gibt es eine interessante Unterscheidung. Man spricht von nunc stans und nunc fluens: Nuc stans ist die still stehende Zeit, nunc fluens die dahinfließende, nie stillstehende. In großen Augenblicken des Glücks, der Schönheit und des Staunens bleibt die Zeit stehen. Ich erfahre einen Augblick, in dem es keine Zeit mehr gibt. Mir ist wichtig zu sehen, dass in der Schönheit uns etwas Jenseitiges und Ewiges begegnet. Daher vielleicht auch die langen Schlangen vor wichtigen Kunstausstellungen. Vielleicht wird in der Kunst heute das gesucht, was früher oft in Kirchen erfahren wurde. Im Museum kann ich ganz unverbindlich, ohne mich auf eine Gemeinschaft oder auf eine Glaubenlehre festzulegen, Sinnerfahrung machen. Das kommt unserem heutigen Individualismus entgegen. Ich kann aus dem Flachland der alltäglichen Erfahrung aussteigen und Momente der stillen Begeisterung erleben, im religiösen Sprachgebrauch würde man von Gnade sprechen.

Zu „Augenblick“ viel mir noch ein Gedicht von Karl Krolow ein. Es heißt „Der Augenblick des Fensters“. Das scheint mir zu dem Gesagten gut zu passen und soll meine Einführung beenden:

Jemand schüttet Licht
Aus dem Fenster.
Die Rosen der Luft
Blühen auf,
Und in den Straßen heben die Kinder beim Spiel
Die Augen.
Tauben naschen
Von seiner Süße.
Mädchen werden schön
Und Männer werden sanft
Von diesem Licht.
Aber ehe es ihnen die andern sagen,
Ist das Fenster von Jemandem
Wieder geschlossen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beim Betrachten der Bilder von Rolf Kluge viele Augenblicke des Fensters.

Ich danke ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.