Anneliese Martin-Habig Ausstellung

 

Rede zur Ausstellungseröffnung mit Bildern von Anne Martin am 1. Pfingsten 2007 von Herbert Langenohl

 

Anneliese Martin-Habig, der diese Ausstellung gewidmet ist, ist im vorigen Jahr gestorben.

Wer war Anne Martin, wie wir sie verkürzt nannten?

Anne Martin wurde 1922 als Anneliese Habich in Wattenscheid geboren. Ihre Kinder- und Jugendzeit erlebte sie in einer weltpolitisch dramatischen Zeit. Zur Zeit ihrer Geburt war das Ruhrgebiet von den Franzosen besetzt, 1929 kam die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus zog herauf und als sie 18 Jahre alt war begann der 2. Weltkrieg.

Sie besuchte das Lyzeum in Wattenscheid, macht zu Beginn des Krieges Abitur, absolvierte auf Anraten ihres Vaters eine Sportlehrerausbildung und wurde im Bombenkrieg Rotekreuzschwester.

Am Ende des Krieges baute sie mit ihrer Schwester eine kleine Puppenfabrik auf, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Ihr Kunststudium begann sie in München, setzte es in Düsseldorf fort und schloss ihr Studium in Stuttgart als Meisterschülerin ab.

Ab 1952 war sie als selbständige Bildhauerin und Malerin tätig.

Sie war Mitbegründerin des Bochumer Künstlerbundes.

Mit ihrem Bruder, der Bildhauer und Maler war, fühlte sie sich auch künstlerisch eng verbunden. Durch ihn lernte sie dann auch ihren späteren Mann Adalbert Martin kennen.

Ich lernte Anne Martin 1971 kennen, als ich nach Hardenberg zog. Sie hatte dort mit ihrer Familie. neben ihrem Wohnort Wattenscheid, ihren zweiten Lebensmittelpunkt aufgebaut.

Zunächst noch fremd, genügte eine Begegnung mit ihr, um eine menschliche Beziehung zu ihr zu bekommen, die über drei Jahrzehnte hielt und sich vertiefte.

Anne Martin traf man nicht einfach, man begegnet ihr. Offen und freundlich war sie immer mit ihrem ganzen Wesen gegenwärtig. Sie ruhte in sich und war ganz im Jetzt.

Diese Fähigkeit hatte auch eine Seite, die diejenigen, die sie noch nicht näher kannten, zunächst in Erstaune versetzten. Sie vergaß wohl oft die Zeit und war selten pünktlich. Diejenigen, die sie kannten, nahmen es mit Humor, denn wenn sie da war, war sie auch ganz da.

Diese ihre Fähigkeit, ganz da zu sein, haben wir auch bei unseren Pfingstworkshops erlebt.

Damit komme ich zunächst mal zu den Skulpturen, die hier ausgestellt sind.

Mit der künstlerischen Betreuung durch Anne Martin haben wir über wenigsten zwei Jahrzehnte uns über Pfingsten in Hardenberg getroffen, um gestalterisch tätig zu sein. Wir, das sind Leute aus Bochum, aus dem Kreis Olpe und aus Hardenberg. Die Skulpturen, die hier ausgestellt sind, sind dabei entstanden. Bei diesen Treffen kam sie selbst oft kaum zur Arbeit, weil ihr treffsicherer künstlerische Rat ständig gefragt war. Sie sah sofort, wenn bei einer Figur die Haltung nicht stimmte und wie ein bestimmter Ausdruck zu erreichen war.

Anne Martin war - ohne sich selbst hervorzuheben - der stille Mittelpunkt dieser Treffen. Wir vermissen sie sehr.

 

Nun aber zu ihren Bildern, die hier ausgestellt sind.

In dem Werkkatalog, der nach dem Tode von Anneliese Martin-Habig herausgekommen ist - er liegt hier aus und ist käuflich zu erwerben – ist die ganze Breite Ihres Schaffens dargestellt. Die Einführung zu diesem Katalog ist die Eröffnungsrede zur ihrer letzten großen Ausstellung im Januar 2006 in Bochum. Bei dieser Eröffnungsrede lag der Schwerpunkt bei ihren Landschaftsbildern. Mich persönlich haben ihre Kinder- und Jugendporträts immer am stärksten beeindruckt. Ich will mich daher jetzt auch schwerpunktmäßig auf sie beziehen.

Die meisten dieser Porträtbilder Anne Martins, die ich kenne, sind Pastellzeichnungen und Bleistiftzeichnungen. Vielleicht gaben diese Techniken ihr besonders gute Möglichkeiten, sich den Kindern und Jugendlichen langsam zu nähern.

Diese Annäherung geschah häufig in vielen Stufen. Sie macht Skizzen und Vorentwürfe, bis sie sich an das eigentliche Bild heran wagte. Sie setze selten eindeutige Striche, die den Menschen, der da vor ihr saß, karikaturhaft genau wiedergegeben hätte. Sie ließ alle Striche stehen, die sie machte. Das gibt den Porträts eine besondere Lebendigkeit und Zartheit, die selten irgendwo sonst zu finden sind.

Das Besondere ihrer Porträts ergibt sich aber nicht nur aus der Technik. Es hat mit ihrem Umgang mit Menschen zu tun.

Sie beobachtete die Menschen, die sie porträtierte nicht, sie schaute die Menschen an. Diese Unterscheidung scheint mir wichtig zu sein.

Wer lässt sich schon gerne beobachten und damit zu einem Objekt machen?

Als Künstlerin konnte sie zwar genau beobachten. Das merkte man im Gespräch mit ihr. Ihr entgingen auch die kleinsten Feinheiten eines Menschen nicht. In ihrem wohlwollenden Blick verwandelte sich das Kritische und Problematische aber meistens in verstehenden Humor.

Ihre Fähigkeit, genau zu beobachten, zeigte sich auch, wenn sie

mit großem Vergnügen komisch-witzige Aussagen von Kindern in der Sprache und der Haltung dieser Kinder wiedergab.

Entscheiden scheint mir aber, dass sie die Menschen, die sie porträtierte nicht beobachtete, sondern anschaute, d. h. sie trat mit ihnen in eine Beziehung, die es ihr ermöglichte, das Wesen dieses Menschen zu erfassen. Der Philosoph Martin Buber spricht von dem Grundwort Ich-Du, das nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden kann. Das Du wird nicht als eine Gegenstand erfasst, sondern in seiner Wesenseinheit mit dem Ich.

Eine solche Beziehung aufzubauen gelang Anne Martin auch dadurch, dass sie während ihrer Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sprach und ihnen Geschichten erzählte.

Ich mache diese Ausstellung nicht in erster Linie, weil ich Anne Martin als Mensch so schätzte.

Bei der Galerieeröffnung im letzten Herbst habe ich den Amerikanischen Bewusstseinforscher Ken Wilber zitiert.

Er sagt, was mir wichtig ist:

„Wenn man zum Beispiel ein großes Werk von van Gogh betrachtet, gewahrt man, was aller großen Kunst gemeinsam ist: die Fähigkeit, uns den Atem zu nehmen, uns ganz buchstäblich innerlich den Atem anhalten zu lassen, zumindest während der ersten Sekunden, in denen man es gewahrt oder es, um genauer zu sein, in unser Wesen eindringt: Man ist ein wenig benommen, ein wenig betäubt, für Wahrnehmungen offen, die man bisher nicht hatte. Manchmal geschieht dies natürlich auch in einer sanfteren Weise: das Werk geht uns langsam ‚unter die Haut’, und doch ist man irgendwie verändert, manchmal mehr, manchmal weniger, aber man ist verändert. …..

Dies ist der Grund, warum Kunst im Osten und Westen gleichermaßen noch bis vor kurzem in einem Zusammenhang mit tiefer spiritueller Transformation gesehen wurde. Und ich meine durchaus nicht nur ‚religiöse’ oder ‚sakrale’ Kunst.“

Mit Anne Martins Bildern – vor allem mit ihren Porträts – ist es mir immer wieder so gegangen.

Als ich vor einem Jahr in Anne Martins letzter Ausstellung in Bochum das Porträt vom kleinen Jost sah, – es ist auf dem Prospekt abgedruckt-, kamen mir – ich will das einfach so sagen – die Tränen. Ich habe bei der Vorbereitung dieser Einführung versucht, das Bild zu beschreiben und das, was es für mich so bewegend macht. Ich habe es am Ende gelassen. Schauen sie es sich an. Nicht nur, dass da alles stimmt, vom Gesichtsausdruck bis zur Haltung der Hände, es ist mehr. Das Entscheidende ist nicht beschreibbar.

Das Gesagte gilt auch für die anderen Porträts. Jedes dieser Kinder und Jugendlichen ist ganz präsent. Ihr besonderes Wesen zeigt sich. Wer sich offen auf diese Bilder einlässt, wird auch menschlich ergriffen und verändert sich, weil er dabei mehr zu sich selbst kommt.

Wie gut Anne Martin das Wesentliche getroffen hat, zeigt sich manchmal, wenn man den vor Jahren Porträtierten heute begegnet.

Die meisten Kinder und Jugendlichen, deren Porträt hier hängen, sind mir ja persönlich mehr oder weniger bekannt, weil es die Enkelkinder von Anne Martin sind.

Der französische Dichter Antoine de Saint-Exupery lässt im „Kleinen Prinz“ den Fuchs sagen:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar“. Anne Martin hat bei ihren Kinder- und Jugendporträts das Wesentliche sichtbar machen können.

Die Porträts von Anne Martin hätten es verdient, in den großen Galerien der Welt zu hängen. Das ist für mich zeitlose Kunst. Auch für Menschen in 200 Jahren werden sie noch genauso anrührend sein wie für uns heute. Um diese Bilder zu verstehen, braucht man kein Kunstexperte zu sein und sie brauchen auch keine Erklärungen.

 

Ich Danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.