Im Vortrag nicht angesprochene Bilder

 

 

„Lichtstreifen“ (2001)

 

Mein Bild „Lichtstreifen“ - stille Freude aus einer transzendenten Welt - entstand nach einer Zeit spiritueller Trockenheit und Qual. Unvermittelt kam eine stille Freude auf, die zu einer tiefen Entspannung führte. In dieser Situation sah ich das Bild vor meinen Augen.

Der violette Rahmen weist auf den spirituellen Zusammenhang hin.

Eine Parallele zu dieser Erfahrung habe ich jetzt in einer Aussage eines jungen Mannes gefunden: „Es begann damit, dass ich einen Einblick in das hatte, was Wirklichkeit ist. Es schien ein kleines schimmerndes Licht am Rande meines Blickfelds zu sein. Danach stellte sich Entspannung ein. Schöne Erfahrungen kamen und gingen ganz von selbst, und mit ihnen kam das Verstehen, dass dies alles Gnade ist. Es gibt nichts, was ich dazu tun kann.“ (Gangaji: Du Bist Das II, Freiburg, 2000, S. 116)

Vielleicht bedarf es einer gewissen Affinität, damit jemand von einem solchen Bild angesprochen wird. Gestern war eine junge Frau bei uns, die schon viele Meditationskurse bei mir mitgemacht hat. Sie war gleich von diesem Bild begeistert. Und auch für mich sind solche Bilder sehr schön. Immer, wenn ich sie anschaue - vor allem in der ersten Zeit ihres Entstehens - rufen sie die Anfangserfahrung wieder hervor.

Noch eine Bemerkung zur Einfachheit: Tiefe hat mit Einfachheit zu tun, nicht mit Kompliziertheit. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für den Bereich der Spiritualität, sondern auch für die Kunst. Einfach wird oft mit simpel verwechselt. Bei einigen meiner Bilder hat schon mal jemand gesagt: „Das könnte ich auch!“ Wer einfach etwas Simples macht, vergisst, dass Kunst mit Wahrheit zu tun hat, sonst ist es im besten Falle Dekoration.

 

Aus der Wahrheit kommt die Einfachheit.

Ein komplexes Bild ist natürlich für die meisten Menschen unmittelbar interessanter. Bei ganz „einfachen“ Bildern meinen sie gleich mit einem Blick zu sehen, was es ist, z. B. eben ein paar gelbe Streifen in der linken oberen Ecke. Vielleicht hat der eine oder andere auch Angst, auf „des Kaisers neue Kleider“ hereinzufallen. Dazu kommt vielleicht noch die Angst vor der Leere.

 

„Das ewig Weibliche zieht uns hinan“ (2000)

 

Das Bild gehört in die Reihe „Sonnenuntergang“. Der Rahmen liegt auf der Leinwand.

Auch bei diesem Bild geht es in gewisser Weise um eine Durchdringung.

Ich war mit meinen Stammtischbrüdern mit einem Tanzzug in einem Hotel in Sonthofen. Erster Zweck solcher Veranstaltungen sind wohl amouröse Abenteuer. Da ich an solchen Abenteuern zu der Zeit aber kein Interesse hatte - ich hatte die Fahrt nicht mit ausgesucht - saß ich nach dem Abendessen am Tisch und der Tanz begann. Auch wenn ich - oder gerade weil ich - persönlich auf die anwesenden Frauen bezogen keine Interessen hatte, ging mir die Schönheit der Frauen und die wunderbaren Erfahrungen, die man mit ihnen machen kann, auf. Ein Gefühl von Dankbarkeit und Freude stieg in mir auf, dass es das Weibliche gibt, und vor meinen Augen entstand das Bild. Es waren gleich die drei Streifen da, die in der linken Bildhälfte von unten schräg nach links oben verliefen, die sanften Farben Rosa und Türkisgrün und auch der rote Streifen am Rosa und ein fröhlich roter Rahmen - das starke Blau war noch nicht so klar da.

Zur Interpretation fällt mir folgendes ein:

Mit der Farbe Rosa verbinde ich Zärtlichkeit und sanfte Liebe. Rosa taucht daher auch im Rahmen des „Bild mit den Seerosen“, das ich für Johanna gemalt habe, beim Porträt Johannas im Kleide und auch - nach der Trennung von Ulrike - im Bilde „Erinnerung an Zärtlichkeit“ auf. Die zweite Farbe im Rahmen des Bildes mit der Seerose ist Blau. Auch im Porträt Johannas erscheint es in den großen Kragenspitzen, der Rahmen des Bild „Ich habe Gretel gefunden“ ist ebenfalls blau und blau ist der Schal auf dem Bild „Ich suche eine Frau“.

Mit Blau verbinde ich das elementar Frauliche und Mütterliche. (Vielleicht war das Blau nicht gleich so klar da, weil das Mütterliche im Sonthofener Zusammenhang nicht so eine Rolle spielte.) Mit dem starken roten Streifen am Rosa verbinde ich in diesem Zusammenhang mehr das Leidenschaftlich-Sexuelle. Im Bild „Ich habe Gretel gefunden“ bildet Rot das dominierende Zentrum, wenn auch mehr zum Fröhlichen - Freudigen hin, wie der strahlend rote Rahmen dieses Bildes. Was ich bei Türkis empfinde, kann ich nicht gut beschreiben. Es hat mit Ferne und Sehnsucht zu tun.

Warum die Streifen an dieser Stelle in diese Richtung laufen, weiß ich nicht. Der Titel, der mir zum Bild eingefallen ist, lässt die Streifen als Himmelsleiter deuten. (Der linke obere Bereich eines Bildes ist ja oft auch der Bereich des „Im Göttlichen – zur - Ruhe-Kommens“.

 

„Nunc fluens“ – das fließende Jetzt. (2001)

 

Auch bei diesem Bild ist der Rahmen auf die Leinwand gesetzt, d. h. der Rahmen stellt die äußere Wirklichkeit dar und die weiß Leinwand die unendliche jenseitige. Die beiden farbigen Steifen laufen auf diesem Hintergrund von links nach rechts. Sie sind so strukturiert, dass sie aussehen wie kleine Striche, die nebeneinander gesetzt sind. In meiner Intuition stellte der grüne Streifen das Leben dar, wie es von einem Augenblick zum anderen dahin läuft. Er wird von dem violetten Streifen ständig begleitet, der unter dem grünen herläuft: das Streben nach Spiritualität.

Alle großen religiösen Traditionen, aber auch Philosophen und Atomphysiker sagen uns, dass wir nur in der Gegenwart leben können. "Leben im Hier und Jetzt" ist auch das Rezept zur Heilung bei vielen therapeutischen Richtungen.

Was ist Gegenwart?

Gegenwart ist der Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das hört sich ganz einfach an, ist es aber nicht.

Was ist Vergangenheit? Vergangenheit ist alles, was vorbei ist, also in der Gegenwart nicht mehr ist. Sie wurde erlebt, als sie Gegenwart war.

Was ist Zukunft? Zukunft ist alles, was noch kommt. Sie ist also noch nicht. Wann erlebe ich sie? Wenn sie Gegenwart geworden ist.

Ich erlebe immer nur Gegenwart. Vergangenheit besteht nur aus Erinnerungsbildern, die ich in der Gegenwart erlebe, Zukunft besteht nur aus Erwartungen und Vorstellungen, die ich ebenfalls nur in der Gegenwart erlebe.

Was ist nun diese Gegenwart?

Wenn ich darüber nachdenke, bleibt für die Gegenwart keine Zeit übrig. Bis in die letzte hun¬dertstel und tausendstel Sekunde ist alles immer schon Vergangenheit. Wenn die erfahrene Wirklichkeit des jetzigen Augenblicks als Gegenstand in mein Bewusstsein kommt, ist sie schon vorbei. Die Gegenwart hat keine Zeit. Zeit kann immer nur Vergangenheit oder Zukunft sein, ist damit eine Illusion, denn was erlebbar ist, ist nur die Gegenwart und die ist nicht in der Zeit.

Dass wir die Gegenwart dennoch als Zeit erleben, ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht in der Gegenwart sind. Gegenwart bedeutet dann etwas anderes, als in den oben genannten Traditionen. Diese "Gegenwart" erleben wir als einen Zeit-Raum, den wir uns unbewusst konstruieren, der aber nur in unserer Vorstellung existiert (Wenn ich Gegenwart in diesem Sinne meine, setzte ich sie in Anführungszeichen.). Wir nehmen das, was noch frisch in unserem Erlebnisfeld ist und verbinden es mit dem, was wir als nächste Erwartung schon vor uns sehen. Dieses Bild nennen wir "Gegenwart". Es besteht aus etwas Vergangenheit und etwas Zukunft. Die Ränder sind dabei unscharf. Diese "Gegenwart" ist der flüchtige Augen¬blick von ein paar Sekunden (lat.: nunc fluens - das fließende Jetzt).

Die Gegenwart, die in der Meditation und Kontemplation angestrebt wird, ist zeitlos, sie fällt aus der Zeit. Die Zeit steht still (lat.: nunc stans - das stehende Jetzt). Im Erlebnis der Gegenwart erlebe ich Zeitlosigkeit. Das Erleben dieses Augenblicks ist reines Gewahrsein, gedankenfreie Wahrnehmung. Es liegt vor meinen Vorstellungsbildern und damit vor meinem Denken. Das Denken wird dabei nicht unterdrückt, sondern dem Denken wird sozusagen der Boden entzogen. Es entsteht gar nicht erst mehr. Ich erlebe einen solchen Zustand, wenn ich staune. Ich nehme die Situation hellwach wahr, ohne zu denken. Erst wenn mein Denken einsetzt, ist der Zauber vorbei.

Im Zustand der Gegenwart nehme ich die Wirklichkeit wie von innen heraus wahr, als eine Einheit. Ich bin nicht mehr getrennt von ihr. Es ist noch die gleiche Wirklichkeit - der Baum, die Wiese, der blaue Himmel -, aber ich erlebe sie anders.

Nur im Hier und Jetzt ist Leben und Glück. Wir haben eine Ahnung von diesem Glück, wenn wir uns erwartungsvoll auf die Zukunft ausrichten. Warum gehen wir nicht dort hin, wo es zu finden ist, in das Nun der Gegenwart?

”Die Rose unter meinem Fenster verweist nicht
auf frühere Rosen oder besser; sie sind, was sie sind;
sie existieren in Gott, heute. Zeit gibt es für sie nicht.
Da ist nur die Rose; sie ist vollkommen in jedem
Augenblick ihres Daseins. Der Mensch aber verschiebt
oder erinnert; er lebt nicht in der Gegenwart,
sondern beklagt mit rückwärtsgewandtem Blick
die Vergangenheit oder steht, der Reichtümer, die
ihn umgeben, nicht achtend, auf Zehenspitzen,
um die Zukunft vorauszusehen. Er kann nicht glücklich
und stark sein, bis er mit der Natur in der Gegenwart lebt,
außerhalb der Zeit.”

(Emerson)

 

Paradoxerweise scheint es sogar so zu sein, dass wir uns vor nichts mehr fürchten, als in diese Gegenwart zu kommen. Daher die Angst vor der Stille und die Flucht nach außen und in die Betriebsamkeit. Auf der Oberfläche unseres Bewusstseins mögen wir die All-Einheit in der Gegenwart anstreben, aber jetzt, in diesem Augenblick, akzeptieren wir nicht in letzter Konsequenz, das was ist und dass es so ist, wie es ist. Solange ich mich nicht ganz loslasse - die Betonung liegt auf ganz -, kann ich die Erfahrung der All-Einheit im nunc stans nicht machen.

Wo liegen nun die Gründe für diese Flucht aus der Gegenwart?

Je mehr Angst wir haben, um so mehr sind wir von der Vergangenheit und der Zukunft bestimmt. Wir sind ganz in unseren Gedankensystemen verfangen, um die Zukunft zu sichern. Das lässt vermuten, dass eine tief sitzende Angst uns vom Leben in der Gegenwart abhält. Die tiefste Angst des Menschen besteht darin, nicht mehr zu sein. Hier könnte die Erklärung für unsere Flucht liegen: Indem wir versuchen, immer den nächsten Augenblick zu erreichen, meinen wir zu überleben. Der nächste und der nächste und der nächste Augenblick sind uns die Garantie dafür, dass wir weiterleben. Die gleiche Ausrichtung gilt für die Vergangenheit: Indem wir uns vergewissern, dass wir in der Vergangenheit gelebt haben, dass es die Vergangenheit gibt, sehen wir eine Garantie, dass es auch die Zukunft geben wird. Aus Angst vor dem Tod bauen wir uns einen Vorstellungsraum, der uns Sicherheit geben soll. Das Ganze läuft natürlich unbewusst ab.

Wir erkennen nicht, dass wir unsere Sicherheit und damit unser kleines Ich ganz aufgeben - es in den Augenblick hinein sterben lassen müssen, um wirkliches Leben und unvergängliches Glück zu erfahren ("Reich Gottes"). In dieser Gegenwart erfahren wir, dass das Leben unvergänglich ist.

Als ich den grünen Streifen gemalt hatte, hatte ich den Impuls, mit der Faust in das Bild hineinzuschlagen. Er war zu schön. Das Leben im nunc fluens, der fließenden Gegenwart, ist nicht so schön. Ich habe dann das Grün mit einer Schicht blauer Farbe übermalt. Da ging es.

 

„Widerschein des Göttlichen“ (2002)

 

Sie sehen nur eine leere weiße Fläche und einen weißen Schattenfugenrahmen, der innen vergoldet ist. Das Jenseitig-Göttliche gibt seinen Schein in die äußere Wirklichkeit. Gold war im Mittelalter bei vielen Bildern der göttliche Hintergrund. Dieses Bild ist der Übergang zu meinen weißen Quadratbildern.

 

 

„Johanna +“ (1987)

 

Johanna Langenohl, geb. Brörmann, meine geliebte Frau, Mutter meiner Kinder, gestorben 1987.

 

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